Buch: Es war einmal im Fernen Osten

Dieses Buch hat das geschafft, was ich mir von ihm erhofft habe. “Es war einmal im Fernen Osten – Ein Leben zwischen zwei Welten” hat mich einer mir fremden Kultur näher gebracht. Es hat aber auch viele Fragen bei mir hinterlassen und mich neugierig gemacht, mehr über das Leben in China zu erfahren.

es war einmal im fernen osten

Cover: Knaus Verlag

Ich habe Xiaolu Guo begleitet. Sie lässt mich an ihren Erinnerungen und Gedanken teilhaben. Von ihrer frühen Kindheit bei ihren Großeltern im Fischerort Shitang über ihre Jugendjahre bei ihren Eltern in der Industriestadt Wenling bis zum Studium in Peking und ihrem Leben in London erzählt Guo mal leidenschaftlich, mal nüchtern und sachlich, doch oft euch leise und vorsichtig von ihren Erlebnissen. So vieles in ihren Worten ist mir fremd. Ich, als Kind des Westens, weiß nicht, wie es ist, in der “Ein-Kind-Politik” aufzuwachsen. Wie es ist, nicht frei seine Meinung äußern zu können. Wie es ist, einen Diktator wie Mao zu verehren. (Doch dafür muss man nicht nach China reisen.) Sie zeichnet ein faszinierendes Leben auf, das fernab von dem ist, was ich bisher erlebt habe.

Die Sprache des Buches ist einfach. Keine langen, komplexen Schachtelsätze, sondern so geschrieben, wie sie auch erzählen würde – so stelle ich mir das jedenfalls vor. Die Biografie ist in fünf Teile gegliedert. Shitang, Wenling, Peking, London und ein abschließendes Kapitel über Leben und Tod. Vor jedem dieser Abschnitte ist ein Teil einer Legende geschrieben. Es geht um einen Mönch und einen Affen, die zusammen auf Wanderschaft nach Indien gehen, um die Weisheit zu entdecken. Wie sollte es anders sein, sind die Abschnitte der Legende passend zu den Lebensetappen Guos gewählt. Das hat mir gut gefallen. Auch die fünf Fotos vor jedem Abschnitt, die die Autorin zeigen, geben dem Buch einen authentischen Touch.

Spricht Guo über Sex, ist es lieblos, kalt und nüchtern. Sex ist etwas, dass ihr Männer angetan und aufgezwungen haben. Es ist nichts, was sie wollte, was ihr gefiel. Es war ein nötiges Übel einer chinesischen Frau. Sie schreibt:

“Wenn ich heute an die Zeit zurückdenke, wird mir vieles klar. Ganz offensichtlich sind viele chinesische Mädchen Opfer eines Missbrauchs geworden und sehen deshalb in der Liebe das Gegenteil von Sex. In heterosexuellen Beziehungen ist der Sex für sie nur von männlichen Übergriffen und Gewalt geprägt, während Liebe für sie einen viel höheren Stellenwert hat und im Grunde genommen asexuell sein sollte.”

Neben solchen Beobachtungen sind es immer wieder die kleinen Nebensätze, in denen sie einstreut, dass China in Sachen Gleichberechtigung noch sehr rückständig ist. Ihr Bruder hatte beim Essen immer den Vortritt bekommen. Der Vater und der Bruder nahmen sich bei den Mahlzeiten, was sie essen wollten. Das Fleisch war ihnen vorbehalten. Die Mutter und sie aßen nur, was die Männer ihnen übrig ließen. Auch ist es immer wieder das Bestreben ihrer Mutter ihre Tochter zu verheiraten. Ohne Mann ist Guo für ihre Mutter nichts wert.

“Mutter war nicht nur nach England gekommen, weil ihr Mann den Westen sehen wollte, sie hatte auch einen eigenen geheimen Grund gehabt: Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben und ihre Tochter verheiraten. Deshalb hatte sie sich mit Fotos und Lebensläufen ausgerüstet, aus denen ich ihren zukünftigen Schwiegersohn auswählen sollte. Doch mittlerweile wusste sie, dass der Versuch fehlgeschlagen war. Ihr wortloses Seufzen im Park war auch der Erkenntnis geschuldet, dass sie keinen Einfluss mehr auf mein Erwachsenenleben hatte. Mich wiederum machte es auf eine etwas erbarmungslose Art glücklich, dass meine Mutter jetzt eine kleine faltige Frau war und die Macht über mein Leben verloren hatte.”

Aber auch Aspekte des modernen Feminismus greift Guo auf. Die spricht über ihre Erfahrungen mit dem “Male-Gaze” an der Filmhochschule in Peking. Oder aber davon, dass sie nie wieder mit einem chinesischen beziehungsweise überhaupt mit einem Mann zusammen sein will, der sie unterdrückt und schlägt.

Xiaolu Guo: Es war einmal im Fernen Osten

Verlag: Knaus
Erschienen: September 2017
Genre: Biografie
Seitenzahl: 368
ISBN: 978-3-8135-0769-0
Bindung: Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
Preis: 24,00 €

Ich habe das Buch gerne gelesen, weil es mir einen Einblick, in eine mir fremde Welt verschafft hat. Und doch habe ich immer wieder Parallelen zu meinem eigenen Leben entdeckt. Dinge, die ich nachvollziehen konnte. Die Balance zwischen fremd und vertraut hat mir gefallen. Manchmal hätte ich mir besonders in den späteren Kapiteln gewünscht, zu erfahren, wie lange sie in Peking beziehungsweise in London war. Irgendwann verliert sich zwischen den Seiten jegliches Zeitgefühl. Manchmal hätte ich mir gewünscht, wenn sie bestimmte Begriffe und ihre Bedeutung für sie erklärt hätte. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ein spannendes, teils unangenehmes Buch, das einem sowohl einen Menschen als auch eine Kultur näher bringt.

 

Die Autorin Xiaolu Guo stellt ihren ersten Roman “Kleines Wörterbuch für Liebende vor”. Das Buch kommt auch in dem besprochenen Buch vor.

Titelbild: pixabay/stocksnap

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Zitat: Meine geniale Freundin

Meine geniale Freundin

Cover: Suhrkamp

“Für mich war es in der Schule vom ersten Tag an viel schöner als zu Hause gewesen. Sie war der Ort im Rione, wo ich mich am sichersten fühlte, ich ging sehr eifrig dorthin. Im Unterricht war ich aufmerksam, mit größter Sorgfalt erledigte ich alles, was mir aufgetragen wurde, ich lernte. Doch besonders gefiel es mir, der Lehrerin zu gefallen, es gefiel mir, allen zu gefallen.”

  • Elena in Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

 

Nachdem ich die letzte Woche mit dem Buch “Untenrum frei” beschäftigt habe, werde ich nun stutzig, wenn ich so etwas lese. Trägt genauso eine Darstellung des Frauensbildes, dass Mädchen schon gefallen wollen, zu den eingängigen Geschlechterverhältnissen bei?

Das Orchideenhaus

Das Orchideenhaus

Bild: Golmann Verlag

“Harry war seit Langem klar, dass die Gene seines Vaters sich bei hm nicht durchgesetzt hatten. Seine Persönlichkeit ähnelte sehr seiner sanftmütigen, künsterlisch begabten Mutter Adrienne weit mehr. Allerdings leider auch in seiner Neigung zu unvermittelten Depressionen, in denen sich die Welt schwarz färbte und Harry sich abmühte, einen Sinn im Leben zu erkennen.”

  • Lucinda Riley – Das Orchideenhaus

Geh, wohin dein Herz dich trägt

Geh, wohin dein Herz dich trägt

Bild: Diogenes Verlag

“Waise? Sagt man das, wenn eine Großmutter stirbt? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht werden Großeltern als etwas so Nebensächliches betrachtet, dass man kein besonderes Wort braucht, um ihren Verlust zu bezeichnen. Nach ihrem Tod ist man weder Waise noch verwitwet. Man läßt sie wie selbstverständlich am Wegrand zurück, so wie man unterwegs zerstreut einen Regenschirm liegenlässt.”

  • Susanna Tamaro – Geh, wohin dein Herz dich trägt

Frauen

Leon und Luise

Bild: dtv

“Dass von animalischer Lüsternheit diesmal keine Rede sein konnte, trug Léon mit Fassung. Er war zu einem Mann von einiger Lebenserfahrung herangewachsen, und nach fünf Jahren Ehe war ihm bekannt, dass die Seele einer Frau auf geheimnisvolle Weise in Verbindung steht mit den Wanderungen der Gestirne, dem Wechselspiel der Gezeiten und den Zyklen ihres weiblichen Körpers, möglicherweise auch mit unterirdischen Vulkanströmen, den Flugbahnen der Zugvögel und dem Fahrplan der französischen Staatsbahnen, eventuell sogar mit den Förderquoten auf den Ölfeldern von Baku, den Herzfrequenzen der Kolibris am Amazonas und den Gesängen der Pottwale unter dem Packeis der Antarktis.”

  • Alex Capus – Léon und Luise

Bäume

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Bild: dtv

“Nachher, als ich ein wenig darüber nachdachte, habe ich diese plötzliche Freude, als Kakuro von den russischen Birken sprach, zum Teil verstanden. Ich spüre die gleiche Wirkung, wenn man von Bäumen spricht, von irgendwelchen Bäumen: von der Linde im Hof des Bauernhofs, der Eiche hinter der alten Scheune, den großen Ulmen, die heute verschwunden sind, den vom Wind gekrümmten Pinien die windigen Küsten entlang usw. Es liegt soviel Menschlichkeit in dieser Fähigkeit die Bäume zu lieben, soviel Sehnsucht nach unserem ersten Staunen, soviel Kraft, sich inmitten der Natur so unbedeutend zu fühlen…ja, das ist es: Der Gedanke an die Bäume, an ihre unbeteiligte Majestät und an die Liebe, die wir für sie empfinden, lehrt uns, wie lächerlich wir sind, häßliche Parasiten, die sich auf der Oberfläche der Erde tummeln, und macht uns gleichzeitig würdig zu leben, weil wir fähig sind, eine Schönheit zu erkennen, die uns nichts schuldig ist.”

  • Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Die Eleganz des Igels

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Bild: dtv

“Ich war aufrichtig. Ich hatte mich seit langem an die Aussicht gewöhnt, ein einsames Leben zu führen. Arm und hässliche und überdies intelligent zu sein, verdammt einen in unserer Gesellschaft zu düsteren Lebenswegen ohne Illusion, an die man sich besser frühzeitig gewöhnt. Der Schönheit verzeiht man alles, sogar die Vulgarität. Die Intelligenz scheint nicht mehr als gerechter Ausgleich, eine Entschädigung der Natur an die wenigen Begünstigten ihrer Kinder, sondern als überflüssiges Spielzeug, das den Wert des Kleinods erhöht. Die Häßlichkeit hingegen ist immer schon schuldig, und diesem tragischen Schicksal geweiht zu sein war für mich umso schmerzlicher, als ich nicht dumm war.”

Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels