Istanbul

Istanbul

Bild: S. Fischer Verlage

“Wann immer ich von der Schönheit und Poesie Istanbuls, des Bosporus, den dunklen Straßen schwärme, warnt mich eine innere Stimme davor, es den Autoren vor mir gleichzutun und den Glanz der Stadt zu überzeichnen, um mir damit über die Unzulänglichkeiten meines eigenen Lebens hinwegzuhelfen. Kommt die Stadt uns schön und verzaubert vor, so sollte doch auch unser Leben so sein. Wenn diese Autoren sich am Reiz der Stadt berauschen, ergötze ich mich zwar an ihren Geschichten und ihrer blumigen Sprache, doch kommt mir unwillkürlich in den Sinn, daß diese Leute eben nicht mehr in den von ihnen beschriebenen Gegenden lebten, sondern der Bequemlichkeit des modernen Istanbul den Vorzug gaben.”

  • Orhan Pamuk in Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt
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Trotzki

Meine Schwester Frida

Bild: Fischer Verlag

“Es war keineswegs ungefährlich, Trotzki Unterschlupf zu gewähren, aber das war ein zusätzlicher Anreiz für Diego. Diego liebte Aufregungen! Er liebte das Risiko! Mein armer Vater war völlig verwirrt und wusste nicht einmal, wer Trotzki überhaupt war: “Ich hoffe, dieser arme Mann hat nichts mit Politik zu tun! Heutzutage ist es gefährlich, sich in die Politik zu mischen!”, sagte er in einem fort.

Was soll ich Ihnen von León Trotzki berichten? Er hatte unglaublich blaue Augen – Augen wie weite, unergründliche Seen oder wie Felder voller Hyazinthen. Man konnte sich in diesen Augen verlieren, in ihrem Blau untergehen. Sie schluckten einen regelrecht und ließen alles andere vergessen. Er trug eine Brille mit einem Gestell aus Schildpatt, wie ein Ufer oder ein Wiesenrad, an dem alles braun und golden wird. Diese Brille, also, manche können ja keine Brille tragen, aber Leóns Brille zog die Blicke an und verlockte einen, in diese geheimnisvollen Augen zu sehen. Trotzki strahlte eine ungeheure Intensität aus. Wenn er ging, marschierte er wie ein Soldat im Gleichschritt mit vorgestrecktem Kinn. Kopf hoch, Kinn vor. Manchmal, wenn man gar nicht damit rechnete, dass er einen gesehen hatte, drehte er sich plötzlich um und winkte, sodass sein weißer Kinnbart und die Schnurrbartspitzen zitterten. Er war in jeder Hinsicht fanatisch.”

  • Aus Meine Schwester Frida von Bárbara Mujica

Meine Schwester Frida

Meine Schwester Frida

Bild: Fischer Verlag

“Mein Vater ging mit uns in den Chapultepec-Park, wo Frida auf dem See ruderte. Sie lernte sogar Ringen und Boxen, und einmal, als Verwandte zu Besuch waren, verdrosch sie einen unserer Cousins dermaßen, dass er mit blutiger Nase heulend ins Haus lief.

Doktor Costa fand das Ringen für Frida nicht sonderlich passend.

“Himmel und Hölle!”, kicherte Frida, nachdem der Arzt das als geeigneteres Bewegungsspiel für ein junges Mädchen vorgeschlagen hatte.

“Himmel und Hölle!”, echote mein Vater.

Er zwickte Frida in den Ellbogen. “Was fürrr ein unmodernen Mann”, flüsterte er. “Errr mit seinem Himmel und Hölle.”

  • Bárbara Mujica – Meine Schwester Frida

Nachts ist es leise in Teheran

Nachts ist es leise in Teheran

Bild: KiWi Verlag

Wahres Gesicht, denke ich, so eine schöne Redewendung in einer sonst so uninteressanten Sprache. Ich dachte immer, nur die persische Sprache wäre auf diese Metapher angewiesen. Ulla fährt fort, Der Mann hat die Frau und das Kind dabehalten wollen, die Frau hätte er gehen lassen, aber das Kind wollte er bei sich behalten, und der Mann hat die Frau geschlagen und erpresst und eingesperrt. Ich schaue Ulla an. Sie erzählt mir eine tragische Trennungsgeschichte, an einem Tag, der sonnig ist, sonnig und kalt, ein Frühlingstag, an dem wir mit Schals und Jacken draußen sitzen. Ich muss an die Nachbarin meiner Mutter denken, deren Mann sie ständig geschlagen, erpresst und eingesperrt hat, an die Schwester meines Schwagers, deren Mann sie ständig geschlagen, erpresst und eingesperrt hat. Denke daran, dass beide glückliche Ehen führen, erfolgreiche Kinder haben, ihre Männer lieben und respektieren und gastfreundliche Nachbarn sind.”

  • Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Diebe im Olymp

Percy Jackson

Bild: Carlsen

“Das macht mich traurig, Percy.”

“Was denn? Die Tatsache, dass du dich für diesen blödsinnigen Auftrag gemeldet hast?”

“Nein. Das hier macht mich traurig.” Er zeigte auf den vielen Müll auf dem Boden. “Und der Himmel. Du kannst ja nicht mal die Sterne sehen. Sie haben sogar den Himmel verschmutzt. Es ist schrecklich, heutzutage ein Satyr zu sein.”

“Klar. Hätt’ ich mir ja denken können, dass du ein Umweltschützer bist.”

Er starrte mich wütend an. “Nur ein Mensch schafft es, keiner zu sein. Deine Gattung müllt die Welt dermaßen schnell zu, dass … ach, egal. Es hat doch keinen Sinn, einem Menschen Vernunft predigen zu wollen. Aber wenn das so weitergeht, werde ich Pan niemals finden.”

(…)

Ein seltsamer Wind ließ die Bäume rascheln und vertrieb für einen Moment den Gestank von Müll und Schlamm. Dieser Wind brachte den Duft von Beeren und Wiesenblumen und sauberem Regenwasser, Dingen, die es vielleicht früher einmal in diesem Wald gegeben hatte. Plötzlich hatte ich Heimweh nach etwas, das ich nie gekannt hatte.”

  • Rick Riordan – Percy Jackson – Diebe im Olymp

Brooklyn

Brooklyn

Bild: dtv

“She was nobody here. It was not just that she had no friends and family; it was rather that she was a ghost in this room, in the streets on the way to work, on the shop floor. Nothing meant anything. The rooms in the house on Friary Street belonged to her, she thought; when she moved in them she was really there. In the town, if she walked to the shop or to the Vocational School, the air, the light, the ground, it was all solid and part of her, even if she met no one familiar. Nothing here was part of her. It was false, empty, she thought. She closed her eyes and tried to think, as she had done so many times in her life, of something she was looking forward to, but there was nothing. Not the slightest thing. Not even Sunday. Nothing maybe except sleep. In any case, she could not sleep yet, since it was not yet nine o’clock. There was nothing she could do. It was as though she had been locked away.

  • Colm Tóibín – Brooklyn

 

Eine Besprechung des Films findet ihr hier.