Kino: Letztendlich sind wir dem Universum egal

Disclaimer: Ich spreche in dieser Review viel über die Buchvorlage und ihre Umsetzung. Eine losgelöste Filmkritik ist dies nicht.

“Letztendlich sind wir dem Universum egal” – mega langer Titel und eine seltsame Übersetzung des englischen Originaltitel: “Every Day”. Welche Gedanken dahinter stecken? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass mir der Film tatsächlich ganz gut gefallen hat, obwohl es sehr viele Abstriche für die Veränderung gibt, die bei der Buch zu Film Adaption vorgenommen wurden.

Letztendlich_sind_wir_dem_Universum_egal_Poster
Bild: Splendid Film

A wacht jeden Tag in einem anderen Körper auf. Mal ist A weiblich, mal ist A männlich. (Da A weder er noch sie ist, wird der Name A sehr oft in dieser Besprechung auftauchen.) Mal ist A schwul, mal ist A transsexuell. Mal blind, mal fettleibig. A “borgt” die Körper von Teenagern für einen Tag von Mitternacht bis zur Geisterstunde. Die Jugendlichen sind alle ungefähr so alt wie A und wohnen in einem bestimmten Umkreis. A hat sich daran gewöhnt. Das ist eben so. Doch dann wacht er als Justin auf und hat für einen Tag die tollste Freundin, die A sich vorstellen kann. Wie kann A es anstellen, Rhiannon wiederzusehen. A ist verliebt und lässt sich von diesem Gefühl leiten. Wie kann A Rhiannon die Situation erklären? Ist eine Beziehung überhaupt möglich? Möchte Rhiannon A überhaupt wiedersehen geschweige denn näher kennenlernen? Schließlich ist sie ja mit Justin zusammen. Rhiannon und A entwickeln eine ungewöhnliche Freundschaft und stoßen beide dadurch an ihre Grenzen.

Wenn ich ein Buch lese – und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht die Einzige bin, die dies tut – stelle ich mir die Charaktere vor. In meinem Kopf haben sie ein bestimmtes Aussehen: Ihre Haarfarbe, Augenfarbe, sind sie groß oder klein, dünn, zierlich, pummelig, tragen sie eine Brille. Genau diese Vorstellung führt natürlich dazu, dass ich bei Buch zu Film Adaptionen oft Personen vorgesetzt bekomme, die so gar nicht meiner Vorstellung entsprechen. Ich hatte keine ganz genaue Vorstellung für Justin. Das er in dieser Umsetzung ein Afro-Amerikaner ist, gefällt mir gut. Dagegen habe ich mir Rhiannon ganz anders vorgestellt. Sie war klein und zierlich, hatte dunkle Haare und braune Augen, war eher ruhig und zurückhaltend. Nun werde ich mit einer blauäugigen Blondine konfrontiert, die eher das fröhliche Mädchen von nebenan als der nachdenkliche Teenager ist. Im Film ist überhaupt alles eher auf Hochglanz poliert als es die Normalität im Buch vermuten lässt. Ich musste mich wie so oft von der Vorlage lossagen, um mich auf den Film einlassen zu können. Das Jugendbuch von David Levithan ist aber auf jeden Fall lesenswert.

Buchtrailer zu “Every Day” von David Levithan

Regisseur Michael Sucsy hat im Film einige Veränderungen vorgenommen, die ganz andere Möglichkeiten entstehen lassen. Zum einen kann A auf einmal mehr als einen Tag in ein und demselben Körper verbringen. Außerdem bleibt A viel näher an Rhiannons Wohnort und geht meistens sogar immer noch auf dieselbe High School. Im Buch entstehen dadurch viel mehr Komplikationen, als es ein Drama möglich machen.
Und da gibt es da noch den Punkt, den ich sowohl positiv als auch negativ finde. Da A ja sowohl in weibliche als auch männliche als auch trans Körper schlüpft, ist es für Rhiannon nicht immer leicht, eine Verbindung zu A aufzubauen. Im Buch bemerkt A, dass Rhiannon es viel besser findet, wenn A in einem Körper eines Jungen steckt. In gewisser Weise versucht A das heteronormative Denken zu sprengen, aber Rhiannon hält daran fest. Das ist im Film überhaupt nicht so. Rhiannon sagt klar, dass es für sie egal ist, in welchem Körper A steckt. Sie liebt As Charakter, das Wesen und nicht die Hülle. Eine schöne Darstellung wie es sein könnte. Ein gutes Vorbild.

Für alle Lesemuffel, die sich gerne Coming-of-Age Filme anschauen, kann ich den Film durchaus empfehlen. Die SchauspielerInnen sehen zwar alle aus wie aus einer Abercrombie & Fitch Werbung, aber das ist nebensächlich. Für Büchermenschen ist das Buch wahrscheinlich interessanter als der Film.

Ab 31. Mai im Kino.

Titelbild: © Orion Pictures

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Kino: Call me by your name

Ich hänge, was die Filme, die für den Oscar nominiert sind, ein wenig hinterher. Hier ist mit “Call me by your name” ein weiterer Beitrag zur Kategorie “Bester Film”. Ich werde aber bei weitem nicht alle Filme besprechen, die für den Academy Award nominiert sind.

Call me by your name Poster

Bilder: Sony Pictures Germany

Die ZuschauerInnen finden sich in Norditalien in den achtziger Jahren wieder. Dort verbringt der 17-jährige Elio mit seiner Familie den Sommer. Sein Vater hat den Doktoranden Oliver, einen Amerikaner, eingeladen, um ihm bei seinen archäologischen Studien zu helfen. Elio und Oliver verbringen viel Zeit miteinander. Leise und langsam entwickelt sich zwischen den beiden eine aufregende, innige Zuneigung, die mehr ist als nur Schwärmerei.

Einmal ganz abgesehen von der Geschichte, ist dieser Film einfach nur schön. Schöne Bilder, schöne Landschaft, schöne Menschen, schöne Musik und schöne Gefühle. Zwei Stunden einem Sommer zuschauen, wie er angenehmer nicht sein kann. Das Drama projiziert bis in die kleinste Sekunde eine Lebensfreude und Energie, die ein wohliges Gefühl hinterlässt. “Call me by your name” lässt sich Zeit. Nichts ist hektisch oder gezwungen. Der Sommer entwickelt sich ganz natürlich. Genauso wie die Beziehung zwischen Elio und Oliver. Die Intimität fühlt sich nicht falsch an. Die Chemie zwischen den beiden ist bis in die letzte Pore zu spüren. Das Publikum merkt, dass Armie Hammer (Oliver) und Timothée Chalamet (Elio) auch im Privaten einander zugetan, sich nicht fremd sind. Es stimmt einfach alles.

Ja, der Film hat seine Längen, aber die sind ganz schnell verziehen. Wie gesagt, wer guckt sich nicht gerne schöne Landschaften, Sonnenschein und fröhliche Menschen an. Wer würde nicht gerne mit dem Fahrrad durch die Felder fahren, um sich dann an einem See auszuruhen, ein wenig Schwimmen zu gehen, einen Latte Macchiato in einem Straßencafé zu trinken und im lauen Sommerabend eine Gartenparty zu feiern. In dieser entspannten Atmosphäre sieht das Publikum eine zarte Liebe ihren Kopf durch die Erde in Richtung Sonne Strecken. Dabei ist es völlig egal, dass es zwei Männer sind, die diese Gefühle erfahren. Auch ist der Altersunterschied vollkommen irrelevant. Hier geht es nur um die Liebe selber. Um die erste Verliebtheit, das Erforschen des Anderen, die Entdeckung, dass es soviel mehr gibt, als nur das, was das Auge sieht.

Eines ist mir aufgefallen: Die Nackt- und Sexszenen im Film sind bei weitem weniger ausgeschlachtet und explizit, als wenn es um den Sex zwischen zwei Frauen geht. Es bleibt viel mehr der Fantasie überlassen, als das bei “La Belle Saison” oder gar “Blau ist eine warme Farbe” der Fall ist. Ich könnte jetzt noch mehr darüber schreiben, aber das würde die Aufmerksamkeit weg von diesem wunderbaren Film nehmen und in eine vollkommen andere Richtung lenken. Ich finde, Regisseur Luca Guadagnino hat genau die richtige Mischung aus Unschuld, Anziehung und Erotik gefunden.

Jetzt, im Winter, ist “Call me by your name” wie eine dicke Decke und ein heißes Getränk am Kaminfeuer. Im Sommer ist er wie Tanzen in warmem Sommerregen. Unbedingt empfehlenswert!

Ab 01. März im Kino.

Kino: Red Sparrow

Kommen wir gleich zur Sache: Ich finde “Red Sparrow” furchtbar! Es passt für mich soviel einfach nicht zusammen und dann ist der Film auch noch langweilig.

Red Sparrow Poster

Bilder: Fox Deutschland

Die erste Unstimmigkeit hat für mich schon im Trailer angefangen. Warum sprechen die Russen deutsch mit einem russischen Akzent? Entweder alle DarstellerInnen, die Russinnen und Russen sein sollen, sprechen Russisch miteinander oder sie sprechen akzentfrei deutsch. Aber den SchauspielerInnen einen Akzent anzutrainieren, ergibt für mich überhaupt keinen Sinn. Warum sollte ich mit meinem Gegenüber nicht in meiner Muttersprache kommunizieren? Und warum hat dann mitten im Film doch ein Schauspieler einen Satz auf russisch gesagt, damit die Amerikaner ihn nicht verstehen? Und warum sprechen die Amerikaner akzentfrei deutsch? Konsequenterweise hätten die einen englischen Akzent haben müssen. Das ergibt doch alles wirklich keinen Sinn. Ich habe ja gehofft, dass es nur im Trailer so ist, doch es zieht sich durch den ganzen Thriller.

Aber worum geht es eigentlich? Joah, gute Frage. Dominika Egorova ist Primaballerina am Bolschoi Theater, bis ein Unfall ihre Karriere als Tänzerin beendet. Ihr zwielichtiger Onkel rekrutiert sie für den russischen Geheimdienst. Nach ihrer Ausbildung setzt er sie darauf an, den “Maulwurf” in den eigenen Reihen zu finden. Dieser soll Informationen an die Amerikaner weitergeben. Natürlich hätten die Amerikaner sie aber gerne auf ihrer Seite und besonders CIA-Agent Nathaniel Nash versucht, Dominika zu beeinflussen. Es entsteht ein hin und her mit viel Blut, Gewalt und noch mehr nackter Haut. Das ist aber auch so ziemlich das einzige, was der Film zu bieten hat. Erotische Anziehung, nackte Haut und Sex als Waffe in einem aussichtslosen Kampf um Spannung. Wenn es schon das Drehbuch nicht schafft, müssen es wenigstens die Brüste retten.

Der Ausgang des Thrillers ist sehr schnell klar. Nur der Weg ist ein klein wenig anders als gedacht. Das macht es trotzdem nicht spannender. Die Vorlage hat jede Menge verschwendetes Potenzial. Ich habe mindestens dreimal im Kino gesessen und gedacht: “Aber jetzt wird es gut!” Aber, nein, es wurde nicht gut. “Aber jetzt wird es besser. Oh, nein, auch nicht.” Und dann war ich auf dem Klo. Danach wurde es auch nicht besser. Nur langatmiger.

Die Kulisse ist düster und bedrohlich. Verständlich. Aber es sieht auch so aus, als wäre der gesamte Ostblock in den achtziger Jahren hängen geblieben. Könnte ja auch sein, dass der Film in den Achtzigern spielen soll. Doch dann taucht ein Smartphone auf. Und die Ausbilderin im Spatzen-Camp erzählt etwas davon, dass der Kalte Krieg für sie nicht beendet ist. Doch warum benutzt der Geheimdienst bitte Disketten? Und nicht nur der anscheinend rückständige russische Geheimdienst. Nein, auch die moderne CIA. Da fehlt es für mich an Stimmigkeit. Entweder Achtziger, dann voll und ganz oder heute und dann mit dem Einsatz moderner elektronischer Medien. Keine Ahnung, was sich Regisseur Francis Lawrence dabei gedacht hat.

Nun könnte man meinen, dass die Besetzung des Thrillers etwas reißen kann. Leider auch nicht. Jennifer Lawrence spielt eine erstaunlich platte, ausdruckslose Agentin. Matthias Schoenaerts als erpresserischer Onkel Ivan Egorov ist seiner Rolle entsprechend reserviert. Joel Edgerton als CIA-Agent wird der Rolle gerecht, ist aber auch nicht herausragend. Ich mochte Jeremy Irons und Charlotte Rampling, aber die sind beide sehr wenig zu sehen.

Man muss schon Hardcore JLaw-Fan sein, um diesen Film gut zu finden. Viele ungenutzte Möglichkeiten und noch mehr Provokation. Wer Lust auf einen Agenten-Thriller mit weiblicher Hauptrolle hat, der ebenfalls im Metier des Kalten Kriegs spielt, dem empfehle ich Atomic Blonde mit Charlize Theron.

Ab 01. März im Kino.

Kino: Wunder

Es gibt Filme, da weiß ich von vorneherein, dass sie gut werden. Wenn sie es dann doch nicht sind, bin ich tief enttäuscht. Aber “Wunder” hat seine Pflicht voll und ganz erfüllt und macht genau das, was er soll: Ein gutes Gefühl.

“Wunder” ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von R. J. Palacio. Wenn das Buch schon ein Hit war, ist zumindest die Grundlage für einen guten Film gegeben. (Was nicht heißen soll, dass Buchverfilmung immer gut sind. Bei weitem nicht. Leider!)

Wunder Poster

Bild: StudioCanal Deutschland

August Pullman ist zehn Jahre alt und soll nun zum ersten Mal in eine öffentliche Schule gehen. Bisher hat seine Mutter ihn zu Hause unterrichtet, weil er durch einen Gendefekt mit einem deformierten Gesicht zur Welt gekommen ist und seine Eltern ihn nicht der Gehässigkeit der Welt aussetzen wollten. Doch nun ist die Zeit gekommen, Auggie ein Stück los zu lassen. Und so lernt er sich mit den großen und kleinen Nettigkeiten, aber auch Gemeinheiten seiner Mitmenschen, aber vor allem seiner Mitschülerinnen und Mitschüler auseinanderzusetzen.

Was mich überrascht hat, ist, wie gut Julia Roberts und Owen Wilson als Paar funktionieren. Sie sind verdammt lässige Eltern, passen optisch gut zusammen und ergänzen sich optimal. Dabei ist Auggie nicht der Einzige im Film, der eine Entwicklung durchmacht. Sowohl gemeinsam als auch individuell wachsen die beiden Elternteile in ihren Rollen. Besonders Owen Wilson hat mich beeindruckt. Die Rolle des coolen Vaters steht ihm sehr gut. Dabei verliert er nicht seinen Witz, aber gewinnt an Verantwortung und Seriosität. Jacob Tremblay hat in “Raum” schon bewiesen, dass er große Rollen nicht scheut und sich derer durchaus bewusst ist. So scheint es auch hier zu sein. Als Auggie beweist er, dass er ein großes Vorstellungsvermögen hat und sich exzellent in die Figur einfühlen kann. Doch nicht nur die vermeintlichen Hauptcharaktere sind hervorragend besetzt. Auch die Nebenrollen, wie Auggies große Schwester Via (Izabela Vidovic), ihr Freund Justin (Nadji Jeter), Auggies Lehrer Mister Brown (Daveed Diggs) und sein Klassenkamerad Jack Will (Noah Jupe) und seine Klassenkameradin Summer (Millie Davis) tragen zu diesem modernen Märchen bei.

Zum Glück zeigt “Wunder” aber nicht nur, wie grausam Kinder sein können, sondern auch, dass diese ihr Verhalten meist von den Erwachsenen abschauen. Es gibt eine Szene, in der ich gerne durch die Leinwand gekrochen wäre und einem überheblichen Elternpaar mit Vergnügen die Meinung gegeigt hätte. Zeigt dann aber auch wieder, dass es recht authentisch ist, wenn ich mich so darüber aufrege.

Leider konnte ich nicht finden, wer der/die Make-up-Artist für den Film war. Er oder sie hat auf jeden Fall hervorragende Arbeit geleistet. Jacob Trembley ist unter seiner Maske kaum zu erkennen. Was nicht heißt, dass sein Gesicht zugekleistert aussieht. Ganz im Gegenteil, makellos glaubhaft.

“Wunder” ist Hochglanz und zeigt letztendlich, wie es ist, wenn es perfekt ist. Tiefen – ja, Höhen – noch mehr, aber vor allem, dass sich Dinge ändern können, wenn man daran glaubt. Taschentücher bereit halten und danach kräftig die Zähne putzen. Dieser Film ist ganz schön süß. Am Ende sogar ein wenig zu süß!

Ab 25. Januar im Kino.

Titelbild Copyright: Metropolitan FilmExport

Die Filmreise-Challenge #1: Spuren

Die Filmreise-Challenge #1 – Weltreise (Pauschalreise): Schaue einen Film aus Australien oder Neuseeland.

Ich habe mich für den australischen Film “Spuren” entschieden.

Spuren Poster

Bilder: Ascot Elite Filmverleih

Der Film fängt schon einmal gut an. Der Bildschirm ist schwarz. Nur folgender Text ist zu sehen: “Hinweis für Zuschauer, die Aborigines oder Torres-Strait-Insulaner sind: Bitte beachten Sie, dass dieser Film möglicherweise Bilder oder Stimmen von Verstorbenen enthält.” Diese Warnung finde ich sehr gut. Besonders, wenn man das schwierige Verhältnis zwischen den Australiern und den Aborigines bedenkt. Es hat mich auf jeden Fall positiv gestimmt und noch neugieriger auf den Film gemacht.

In “Spuren” (OT: “Tracks”) geht es um Robyn Davidson, die sich in den Kopf gesetzt hat ohne menschliche Begleitung von Alice Springs durch die australische Wüste bis zum Indischen Ozean zu laufen. An ihrer Seite sind ihr Hund Diggity und vier Kamele. Ab und zu trifft sie auf ihrer Reise Rick, einen Fotografen von National Geographic, denn das Magazin sponsert die Durchquerung.

Das Publikum erlebt mit, wie Robyn durch die Wüste wandert. Es spürt die Höhen und Tiefen, die Verzweiflung, aber auch die schönen Momente, die so eine Reise mit sich bringen. Die Bilder sind fantastisch. Die lehmig, braune, trockene Erde, der rote Sand, die Unmenge an Sternen: Die Naturaufnahmen sind wunderschön. Schon alleine das Zuschauen macht Lust auf Camping im Freien. Der Film beschönigt aber auch nichts. Wobei ich mich zwischendrin gefragt habe, was Robyn auf ihrer Reise isst und wo sie es herbekommt. Kauft sie immer alles in den kleinen Dörfern, durch die sie läuft? Genau dasselbe habe ich mich in Bezug auf die Körperhygiene gefragt. Wo hat sie sich gewaschen? Im Film werden immer nur einzelne Tage gezeigt. Läuft sie einfach stinkig durch die Gegend, weil sie eh alleine ist? Oder bin ich vielleicht einfach zu pingelig? Keine Ahnung.

“Spuren” ist die Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Robyn Davidson. Nachdem sie die 3200 Kilometer lange Reise vollendet hat – das ist kein Spoiler; jeder kann sich denken, dass sie die Reise durchhält – schreibt sie für National Geographic den Artikel zu Smolans Bildern. Dieser Bericht ist so erfolgreich, dass sie ihre Erfahrung in diesem Buch festhält. Warum Robyn 1975 die Reise angetreten ist, kann das Publikum nur vermuten. Hinweise geben die Rückblenden in ihre Vergangenheit. Aber im Film sagt eine Freundin vor ihrem Aufbruch auch, dass sie es besser weiß, als zu fragen, warum Robyn es tut, weil sie ja eh keine Antwort bekäme. So bleibt der Grund ihrer Reise ein Rätsel.

Mia Wasikowska spielt eine sture, verletzte, eigenwillige Robyn Davidson. Wasikowska ist sich nicht zu schade, nackt durch die Wüste zu laufen. Es ist doch niemand da, der sie sehen kann (den Zuschauer gibt es ja nicht). Davidson ist anders, unabhängig, und das verkörpert Wasikowska mit Haut und Haar. Auf der anderen Seite steht Adam Driver als einfühlsamer Fotograf Rick Smolan. Rick scheint Robyn zu verstehen und ihr den Raum zu geben, den sie für sich in Anspruch nimmt. Die Beziehung der beiden hätte der Film mehr ausschlachten können, aber genauso minimalistisch, wie es jetzt ist, hat es mir gut gefallen. Wenig Drama trotz Gefühlen. Stellenweise hätte der Film auch Potential für mehr Spannung gehabt, aber es geht ja um die Reise und die atemberaubenden Bilder, da sind spannungsaufladende Elemente gar nicht nötig.

Für Naturliebhaber und Abenteurer ist “Spuren” genau der richtige Film. Aber auch allen, die keine Lust auf Hollywood Schnick-Schnack und zahllose Spezialeffekte haben und generell und überhaupt kann ich den Film nur empfehlen.

DVD: Tulpenfieber

Tulpenfieber Poster

Bilder: Prokino Filmverleih

Mit “Tulpenfieber” habe ich mir seit langem mal wieder einen Liebesfilm angeschaut. Neugierig gemacht, hat mich der Film, weil er im Goldenen Zeitalter der Niederlande in Amsterdam spielt und unter anderem die Machenschaften an der Börse und die Spekulationen um kostspielige Tulpenzwiebeln einen Teil der Handlung ausmachen. Gespannt habe ich vorher das gleichnamige Buch gelesen und war ich voller Erwartung für die Adaption.

 

Sophia ist mit dem reichen Kaufmann Cornelis Sandvoort verheiratet. Er ist erheblich älter als sie, dennoch bewundert und liebt er sie. Jeden Abend schläft er mit ihr, damit sie ihm endlich den lang ersehnten Erben schenken kann. Aber bisher konnte er sie noch nicht schwängern. Doch das ist vermeintlich das einzige, was ihr Glück trübt. Um die eheliche Harmonie festzuhalten, bittet Cornelis den Maler Jan van Loos, ein Bild des Paares anzufertigen. Hals über Kopf verlieben sich der Künstler und Sophia ineinander. Sie möchten zusammen sein, Sophia bringt es aber nicht übers Herz, ihren Mann zu verlassen. Ihr Glaube und die Gesellschaft erlauben ihr das nicht. Da passt es gut, dass Sophias Magd Maria von ihrem Verlobten Willem, der nicht mehr aufzufinden ist, ein Kind erwartet. Um Marias Ehre zu bewahren und Sophias Wunsch zu erfüllen, schmieden die beiden einen heiklen Plan.

Im Laufe des Films habe ich mich gefragt, ob ich die Story überhaupt verstehen würde, wenn ich das Buch vorher nicht gelesen hätte, so schnell und oberflächlich rast die Handlung dahin. Eine gute Frage, die ich nicht beantworten kann. Was ich aber sagen kann, ist, dass Regisseur Justin Chadwick so einiges an der Geschichte geändert hat. Judi Denchs Charakter als Äbtissin von St. Ursula, die in der Verfilmung eine recht wichtige Rolle spielt, kommt im gleichnamigen Buch gar nicht vor. Trotzdem ist die Klangfarbe des Dramas dem Roman sehr ähnlich. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Autorin Deborah Moggach auch das Drehbuch geschrieben hat. So gibt es zwar Abweichungen, dennoch bleibt der Kern der Liebesgeschichte und die Stimmung erhalten.

Doch nicht nur der Erzählstil des Dramas, auch die Szenerie stechen hervor. Amsterdam strahlt in seiner ganzen geschäftigen Pracht. Die Stadt ist voller Menschen. Die Dirnen und Trunkenbolde, aber auch Kaufmänner, Seefahrer und Händler säumen die engen Gassen und Grachten und den weiten Hafen. Die Mischung aus Fisch und Seeluft am Markt ist förmlich zu riechen. Die Bilder des Historiendramas sind beeindruckend. Sie transportieren die Gefühle der Geschichte besser als jedes Wort, jede Handlung, jeder Dialog.

Denn neben den großartigen Kulissen verblassen die Schauspielerinnen und Schauspieler. Die große, leidenschaftliche Liebe zwischen Jan und Sophia kauft den beiden keiner ab. Auch wenn Sophia Sandvoort immer ein wenig zurückhaltend ist, weil sie ein schlechtes Gewissen ihrem Mann (Christoph Waltz) gegenüber hat, stimmt die Chemie zwischen ihr und dem plumpen Maler einfach nicht. Alicia Vikander und Dane DeHaan schaffen es nicht, den Zuschauer davon zu überzeugen, dass ihre Liebe echt und es wert ist, ihr Leben zu riskieren. Beide Schauspieler schaffen es nicht, ihre Beziehung überzeugend zu vermitteln. Überhaupt spielt Dane DeHaan sehr platt und einfallslos. Sein Jan van Loos hat keine Facetten, keine Emotionen. Den heißblütigen, kreativen Maler nimmt ihm niemand ab. Waltz und Vikander bleiben weit unter ihren Möglichkeiten. Vikander überzeugt viel mehr im Zusammenspiel mit ihrer Magd und Freundin Maria (Holliday Grainger). Überhaupt sind die Nebencharaktere diejenigen, die den Film tragen. Unter anderem auch – für mich überraschend – Cara Delevingne als Annetje (im Buch eine Hure, im Film eventuell auch).

“Tulpenfieber” ist ein schöner Film, aber er verspricht mehr als er liefern kann beziehungsweise der Trailer lenkt die Erwartungen in eine Richtung, die kaum eine Rolle spielt. Ein Historienfilm mit seichter Liebesgeschichte und großartigen Bildern. Wer “Ein ganzes halbes Jahr” mag, wird auch “Tulpenfieber” mögen. Das Buch ist aber definitiv besser als der Film.

Ab 22. Dezember auf DVD und Blu-ray erhältlich.

The Dinner

The Dinner

BIld: Tobis Film

The Dinner ist eine Adaption des Buchs Angerichtet von Herman Koch. Den Buchumschlag hatte ich schon öfter in meinen Lieblingsbuchladen gesehen. Er hatte mich aber nie angesprochen. Als ich dann gehört habe, dass der Roman auf die Kinoleinwand kommt, habe ich mir das Buch besorgt und gelesen. Danach war ich, um es milde zu sagen, verstört. (Meine Besprechung des Buchs findet ihr hier.) Je mehr ich mich aber mit dem Buch auseinandergesetzt habe, umso mehr habe ich mich gefragt, wie Regisseur Oren Moverman das Material umgesetzt hat. Potential hatte das Buch nämlich schon. Um es vorweg zu nehmen: Der Film hat mich nicht mehr überzeugt als das Buch.

Zwei Brüder treffen sich mit ihren Ehefrauen in einem Nobelrestaurant. Direkt am Anfang fängt meine Verwirrung schon an. Moverman hat das Geschehen von den Niederlanden in die USA verlegt. Außerdem hat er einen der Hauptcharaktere umbenannt. Serge heißt nun Stan – und dieser möchte nicht Ministerpräsident der Niederlande, sondern Gouverneur der Vereinigten Staaten werden. Dann ist da noch seine Frau Kate(lyn), die es in der Romanvorlage gar nicht gibt und irgendwie sah alles ganz anders aus, als ich es mir vorgestellt habe. Aber das ist bei Buchverfilmungen ja oft so.

Doch die Unstimmigkeiten betreffen nicht nur die Umsetzung. Der Film will zuviel. Er ist hektisch. Es kommt keine Ruhe auf, um dem Geschehen zu folgen. Alle Charaktere sind unsympathisch – nicht nur dem Zuschauer, sondern auch einander. Immer wieder werden die beiden Ehepaare auf der Suche nach Ruhe und Privatsphäre durch die verschiedenen Räume gescheucht. Zwischenzeitlich verlegt Moverman die Handlung ins Freie. Das hin und her gepaart mit Rückblenden, Monologen und Voice-over führen nicht dazu, dass irgend einer der Handlungsstränge schlüssig ist. So kommt auch nie wirklich Spannung auf, weil die Story zu vielschichtig, zu komplex ist. Das einzige, was klar wird, ist, dass die vier Erwachsenen sich zusammengefunden haben, um über die grausame Tat zu sprechen, die ihre Kinder verübt haben. Kommt es jemals zu einem klärenden Gespräch? Nein, nicht wirklich. Alle sind viel zu beschäftigt damit, aneinander vorbeizureden, sauer und hasserfüllt zu sein. Bei soviel durcheinander macht es überhaupt keinen Spaß mehr zuzuschauen.

Der Film ist vage an das Buch angelehnt, nimmt sich aber viele Freiheiten raus und verwirrt den aufmerksamen Leser dadurch. Diejenigen, welche die Romanvorlage nicht kennen, müssen sehr konzentriert sein, um alle relevanten Details mitzukommen und sich das Thriller-Puzzle selber zusammenzubasteln. Alles in allem ein anstrengender Film mit sehr guten Schauspielern, aber konfuser Umsetzung.

Ab 19. Oktober auf DVD, Blu-ray und VoD erhältlich.