Kino: Wunder

Es gibt Filme, da weiß ich von vorneherein, dass sie gut werden. Wenn sie es dann doch nicht sind, bin ich tief enttäuscht. Aber “Wunder” hat seine Pflicht voll und ganz erfüllt und macht genau das, was er soll: Ein gutes Gefühl.

“Wunder” ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von R. J. Palacio. Wenn das Buch schon ein Hit war, ist zumindest die Grundlage für einen guten Film gegeben. (Was nicht heißen soll, dass Buchverfilmung immer gut sind. Bei weitem nicht. Leider!)

Wunder Poster

Bild: StudioCanal Deutschland

August Pullman ist zehn Jahre alt und soll nun zum ersten Mal in eine öffentliche Schule gehen. Bisher hat seine Mutter ihn zu Hause unterrichtet, weil er durch einen Gendefekt mit einem deformierten Gesicht zur Welt gekommen ist und seine Eltern ihn nicht der Gehässigkeit der Welt aussetzen wollten. Doch nun ist die Zeit gekommen, Auggie ein Stück los zu lassen. Und so lernt er sich mit den großen und kleinen Nettigkeiten, aber auch Gemeinheiten seiner Mitmenschen, aber vor allem seiner Mitschülerinnen und Mitschüler auseinanderzusetzen.

Was mich überrascht hat, ist, wie gut Julia Roberts und Owen Wilson als Paar funktionieren. Sie sind verdammt lässige Eltern, passen optisch gut zusammen und ergänzen sich optimal. Dabei ist Auggie nicht der Einzige im Film, der eine Entwicklung durchmacht. Sowohl gemeinsam als auch individuell wachsen die beiden Elternteile in ihren Rollen. Besonders Owen Wilson hat mich beeindruckt. Die Rolle des coolen Vaters steht ihm sehr gut. Dabei verliert er nicht seinen Witz, aber gewinnt an Verantwortung und Seriosität. Jacob Tremblay hat in “Raum” schon bewiesen, dass er große Rollen nicht scheut und sich derer durchaus bewusst ist. So scheint es auch hier zu sein. Als Auggie beweist er, dass er ein großes Vorstellungsvermögen hat und sich exzellent in die Figur einfühlen kann. Doch nicht nur die vermeintlichen Hauptcharaktere sind hervorragend besetzt. Auch die Nebenrollen, wie Auggies große Schwester Via (Izabela Vidovic), ihr Freund Justin (Nadji Jeter), Auggies Lehrer Mister Brown (Daveed Diggs) und sein Klassenkamerad Jack Will (Noah Jupe) und seine Klassenkameradin Summer (Millie Davis) tragen zu diesem modernen Märchen bei.

Zum Glück zeigt “Wunder” aber nicht nur, wie grausam Kinder sein können, sondern auch, dass diese ihr Verhalten meist von den Erwachsenen abschauen. Es gibt eine Szene, in der ich gerne durch die Leinwand gekrochen wäre und einem überheblichen Elternpaar mit Vergnügen die Meinung gegeigt hätte. Zeigt dann aber auch wieder, dass es recht authentisch ist, wenn ich mich so darüber aufrege.

Leider konnte ich nicht finden, wer der/die Make-up-Artist für den Film war. Er oder sie hat auf jeden Fall hervorragende Arbeit geleistet. Jacob Trembley ist unter seiner Maske kaum zu erkennen. Was nicht heißt, dass sein Gesicht zugekleistert aussieht. Ganz im Gegenteil, makellos glaubhaft.

“Wunder” ist Hochglanz und zeigt letztendlich, wie es ist, wenn es perfekt ist. Tiefen – ja, Höhen – noch mehr, aber vor allem, dass sich Dinge ändern können, wenn man daran glaubt. Taschentücher bereit halten und danach kräftig die Zähne putzen. Dieser Film ist ganz schön süß. Am Ende sogar ein wenig zu süß!

Ab 25. Januar im Kino.

Titelbild Copyright: Metropolitan FilmExport

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Die Filmreise-Challenge #1: Spuren

Die Filmreise-Challenge #1 – Weltreise (Pauschalreise): Schaue einen Film aus Australien oder Neuseeland.

Ich habe mich für den australischen Film “Spuren” entschieden.

Spuren Poster

Bilder: Ascot Elite Filmverleih

Der Film fängt schon einmal gut an. Der Bildschirm ist schwarz. Nur folgender Text ist zu sehen: “Hinweis für Zuschauer, die Aborigines oder Torres-Strait-Insulaner sind: Bitte beachten Sie, dass dieser Film möglicherweise Bilder oder Stimmen von Verstorbenen enthält.” Diese Warnung finde ich sehr gut. Besonders, wenn man das schwierige Verhältnis zwischen den Australiern und den Aborigines bedenkt. Es hat mich auf jeden Fall positiv gestimmt und noch neugieriger auf den Film gemacht.

In “Spuren” (OT: “Tracks”) geht es um Robyn Davidson, die sich in den Kopf gesetzt hat ohne menschliche Begleitung von Alice Springs durch die australische Wüste bis zum Indischen Ozean zu laufen. An ihrer Seite sind ihr Hund Diggity und vier Kamele. Ab und zu trifft sie auf ihrer Reise Rick, einen Fotografen von National Geographic, denn das Magazin sponsert die Durchquerung.

Das Publikum erlebt mit, wie Robyn durch die Wüste wandert. Es spürt die Höhen und Tiefen, die Verzweiflung, aber auch die schönen Momente, die so eine Reise mit sich bringen. Die Bilder sind fantastisch. Die lehmig, braune, trockene Erde, der rote Sand, die Unmenge an Sternen: Die Naturaufnahmen sind wunderschön. Schon alleine das Zuschauen macht Lust auf Camping im Freien. Der Film beschönigt aber auch nichts. Wobei ich mich zwischendrin gefragt habe, was Robyn auf ihrer Reise isst und wo sie es herbekommt. Kauft sie immer alles in den kleinen Dörfern, durch die sie läuft? Genau dasselbe habe ich mich in Bezug auf die Körperhygiene gefragt. Wo hat sie sich gewaschen? Im Film werden immer nur einzelne Tage gezeigt. Läuft sie einfach stinkig durch die Gegend, weil sie eh alleine ist? Oder bin ich vielleicht einfach zu pingelig? Keine Ahnung.

“Spuren” ist die Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Robyn Davidson. Nachdem sie die 3200 Kilometer lange Reise vollendet hat – das ist kein Spoiler; jeder kann sich denken, dass sie die Reise durchhält – schreibt sie für National Geographic den Artikel zu Smolans Bildern. Dieser Bericht ist so erfolgreich, dass sie ihre Erfahrung in diesem Buch festhält. Warum Robyn 1975 die Reise angetreten ist, kann das Publikum nur vermuten. Hinweise geben die Rückblenden in ihre Vergangenheit. Aber im Film sagt eine Freundin vor ihrem Aufbruch auch, dass sie es besser weiß, als zu fragen, warum Robyn es tut, weil sie ja eh keine Antwort bekäme. So bleibt der Grund ihrer Reise ein Rätsel.

Mia Wasikowska spielt eine sture, verletzte, eigenwillige Robyn Davidson. Wasikowska ist sich nicht zu schade, nackt durch die Wüste zu laufen. Es ist doch niemand da, der sie sehen kann (den Zuschauer gibt es ja nicht). Davidson ist anders, unabhängig, und das verkörpert Wasikowska mit Haut und Haar. Auf der anderen Seite steht Adam Driver als einfühlsamer Fotograf Rick Smolan. Rick scheint Robyn zu verstehen und ihr den Raum zu geben, den sie für sich in Anspruch nimmt. Die Beziehung der beiden hätte der Film mehr ausschlachten können, aber genauso minimalistisch, wie es jetzt ist, hat es mir gut gefallen. Wenig Drama trotz Gefühlen. Stellenweise hätte der Film auch Potential für mehr Spannung gehabt, aber es geht ja um die Reise und die atemberaubenden Bilder, da sind spannungsaufladende Elemente gar nicht nötig.

Für Naturliebhaber und Abenteurer ist “Spuren” genau der richtige Film. Aber auch allen, die keine Lust auf Hollywood Schnick-Schnack und zahllose Spezialeffekte haben und generell und überhaupt kann ich den Film nur empfehlen.

DVD: Tulpenfieber

Tulpenfieber Poster

Bilder: Prokino Filmverleih

Mit “Tulpenfieber” habe ich mir seit langem mal wieder einen Liebesfilm angeschaut. Neugierig gemacht, hat mich der Film, weil er im Goldenen Zeitalter der Niederlande in Amsterdam spielt und unter anderem die Machenschaften an der Börse und die Spekulationen um kostspielige Tulpenzwiebeln einen Teil der Handlung ausmachen. Gespannt habe ich vorher das gleichnamige Buch gelesen und war ich voller Erwartung für die Adaption.

 

Sophia ist mit dem reichen Kaufmann Cornelis Sandvoort verheiratet. Er ist erheblich älter als sie, dennoch bewundert und liebt er sie. Jeden Abend schläft er mit ihr, damit sie ihm endlich den lang ersehnten Erben schenken kann. Aber bisher konnte er sie noch nicht schwängern. Doch das ist vermeintlich das einzige, was ihr Glück trübt. Um die eheliche Harmonie festzuhalten, bittet Cornelis den Maler Jan van Loos, ein Bild des Paares anzufertigen. Hals über Kopf verlieben sich der Künstler und Sophia ineinander. Sie möchten zusammen sein, Sophia bringt es aber nicht übers Herz, ihren Mann zu verlassen. Ihr Glaube und die Gesellschaft erlauben ihr das nicht. Da passt es gut, dass Sophias Magd Maria von ihrem Verlobten Willem, der nicht mehr aufzufinden ist, ein Kind erwartet. Um Marias Ehre zu bewahren und Sophias Wunsch zu erfüllen, schmieden die beiden einen heiklen Plan.

Im Laufe des Films habe ich mich gefragt, ob ich die Story überhaupt verstehen würde, wenn ich das Buch vorher nicht gelesen hätte, so schnell und oberflächlich rast die Handlung dahin. Eine gute Frage, die ich nicht beantworten kann. Was ich aber sagen kann, ist, dass Regisseur Justin Chadwick so einiges an der Geschichte geändert hat. Judi Denchs Charakter als Äbtissin von St. Ursula, die in der Verfilmung eine recht wichtige Rolle spielt, kommt im gleichnamigen Buch gar nicht vor. Trotzdem ist die Klangfarbe des Dramas dem Roman sehr ähnlich. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Autorin Deborah Moggach auch das Drehbuch geschrieben hat. So gibt es zwar Abweichungen, dennoch bleibt der Kern der Liebesgeschichte und die Stimmung erhalten.

Doch nicht nur der Erzählstil des Dramas, auch die Szenerie stechen hervor. Amsterdam strahlt in seiner ganzen geschäftigen Pracht. Die Stadt ist voller Menschen. Die Dirnen und Trunkenbolde, aber auch Kaufmänner, Seefahrer und Händler säumen die engen Gassen und Grachten und den weiten Hafen. Die Mischung aus Fisch und Seeluft am Markt ist förmlich zu riechen. Die Bilder des Historiendramas sind beeindruckend. Sie transportieren die Gefühle der Geschichte besser als jedes Wort, jede Handlung, jeder Dialog.

Denn neben den großartigen Kulissen verblassen die Schauspielerinnen und Schauspieler. Die große, leidenschaftliche Liebe zwischen Jan und Sophia kauft den beiden keiner ab. Auch wenn Sophia Sandvoort immer ein wenig zurückhaltend ist, weil sie ein schlechtes Gewissen ihrem Mann (Christoph Waltz) gegenüber hat, stimmt die Chemie zwischen ihr und dem plumpen Maler einfach nicht. Alicia Vikander und Dane DeHaan schaffen es nicht, den Zuschauer davon zu überzeugen, dass ihre Liebe echt und es wert ist, ihr Leben zu riskieren. Beide Schauspieler schaffen es nicht, ihre Beziehung überzeugend zu vermitteln. Überhaupt spielt Dane DeHaan sehr platt und einfallslos. Sein Jan van Loos hat keine Facetten, keine Emotionen. Den heißblütigen, kreativen Maler nimmt ihm niemand ab. Waltz und Vikander bleiben weit unter ihren Möglichkeiten. Vikander überzeugt viel mehr im Zusammenspiel mit ihrer Magd und Freundin Maria (Holliday Grainger). Überhaupt sind die Nebencharaktere diejenigen, die den Film tragen. Unter anderem auch – für mich überraschend – Cara Delevingne als Annetje (im Buch eine Hure, im Film eventuell auch).

“Tulpenfieber” ist ein schöner Film, aber er verspricht mehr als er liefern kann beziehungsweise der Trailer lenkt die Erwartungen in eine Richtung, die kaum eine Rolle spielt. Ein Historienfilm mit seichter Liebesgeschichte und großartigen Bildern. Wer “Ein ganzes halbes Jahr” mag, wird auch “Tulpenfieber” mögen. Das Buch ist aber definitiv besser als der Film.

Ab 22. Dezember auf DVD und Blu-ray erhältlich.

The Dinner

The Dinner

BIld: Tobis Film

The Dinner ist eine Adaption des Buchs Angerichtet von Herman Koch. Den Buchumschlag hatte ich schon öfter in meinen Lieblingsbuchladen gesehen. Er hatte mich aber nie angesprochen. Als ich dann gehört habe, dass der Roman auf die Kinoleinwand kommt, habe ich mir das Buch besorgt und gelesen. Danach war ich, um es milde zu sagen, verstört. (Meine Besprechung des Buchs findet ihr hier.) Je mehr ich mich aber mit dem Buch auseinandergesetzt habe, umso mehr habe ich mich gefragt, wie Regisseur Oren Moverman das Material umgesetzt hat. Potential hatte das Buch nämlich schon. Um es vorweg zu nehmen: Der Film hat mich nicht mehr überzeugt als das Buch.

Zwei Brüder treffen sich mit ihren Ehefrauen in einem Nobelrestaurant. Direkt am Anfang fängt meine Verwirrung schon an. Moverman hat das Geschehen von den Niederlanden in die USA verlegt. Außerdem hat er einen der Hauptcharaktere umbenannt. Serge heißt nun Stan – und dieser möchte nicht Ministerpräsident der Niederlande, sondern Gouverneur der Vereinigten Staaten werden. Dann ist da noch seine Frau Kate(lyn), die es in der Romanvorlage gar nicht gibt und irgendwie sah alles ganz anders aus, als ich es mir vorgestellt habe. Aber das ist bei Buchverfilmungen ja oft so.

Doch die Unstimmigkeiten betreffen nicht nur die Umsetzung. Der Film will zuviel. Er ist hektisch. Es kommt keine Ruhe auf, um dem Geschehen zu folgen. Alle Charaktere sind unsympathisch – nicht nur dem Zuschauer, sondern auch einander. Immer wieder werden die beiden Ehepaare auf der Suche nach Ruhe und Privatsphäre durch die verschiedenen Räume gescheucht. Zwischenzeitlich verlegt Moverman die Handlung ins Freie. Das hin und her gepaart mit Rückblenden, Monologen und Voice-over führen nicht dazu, dass irgend einer der Handlungsstränge schlüssig ist. So kommt auch nie wirklich Spannung auf, weil die Story zu vielschichtig, zu komplex ist. Das einzige, was klar wird, ist, dass die vier Erwachsenen sich zusammengefunden haben, um über die grausame Tat zu sprechen, die ihre Kinder verübt haben. Kommt es jemals zu einem klärenden Gespräch? Nein, nicht wirklich. Alle sind viel zu beschäftigt damit, aneinander vorbeizureden, sauer und hasserfüllt zu sein. Bei soviel durcheinander macht es überhaupt keinen Spaß mehr zuzuschauen.

Der Film ist vage an das Buch angelehnt, nimmt sich aber viele Freiheiten raus und verwirrt den aufmerksamen Leser dadurch. Diejenigen, welche die Romanvorlage nicht kennen, müssen sehr konzentriert sein, um alle relevanten Details mitzukommen und sich das Thriller-Puzzle selber zusammenzubasteln. Alles in allem ein anstrengender Film mit sehr guten Schauspielern, aber konfuser Umsetzung.

Ab 19. Oktober auf DVD, Blu-ray und VoD erhältlich.

Room

Raum

Bild: Universal Pictures

Trailer

Room (dt. Raum) ist einer der krassesten Filme, die ich seit langem gesehen habe. Als der Film zu Ende war, habe ich erstmal im Kino gesessen und brauchte ein Weile, um mich zu orientieren und meine Tränen trocknen zu lassen. Nachdem ich Spotlight schon gesehen hatte, habe ich gedacht, dass Room nicht mehr so schlimm werden könnte. Falsch gedacht. Das Drama hat meine Tränendrüse ganz schön in Anspruch genommen, aber es war jede Sekunde wert.

Schnell wird klar, dass der kleine Jack den Schuppen, in dem er mit seiner Mutter wohnt, nie verlassen hat. Er ist darin geboren worden. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Oberlicht, durch das er den Himmel, Blätter und manchmal ein paar Vögel sehen kann. Die Tage in “Room”, wie er den Schuppen liebevoll nennt, sind immer gleich. Essen, ein improvisiertes Sportprogramm, viel spielen und ab und zu vorlesen. Nachts kommt oft ein seltsamer Mann. Dann muss sich Jack im Wandschrank verstecken.

Für ihn ist es schwer zu verstehen, als Ma ihm erzählt, dass sie nicht immer in “Room” gelebt hat. Sie möchte versuchen, aus “Room” zu entfliehen und er soll ihr dabei helfen. Ma entwirft einen Fluchtplan für Jack – und er geht tatsächlich auf! Nun beginnt die (Re-) Sozialisierung in einer Welt, die hungrig nach Sensation ist. Einer Welt die fremd (geworden) ist und die erbarmungslos mit alles und jedem ins Gericht geht. Einer Welt, die überwältigend ist, im guten und im schlechten Sinn und bei der man nicht weiß, ob sich der Kampf in ihr zu überleben überhaupt lohnt.

Room ist ein intensiver Film. Er geht unter die Haut. Brie Larson hat zurecht den Oscar für ihre umwerfende Darstellung der Ma bekommen. Aber auch der kleine Jacob Tremblay hat eine außergewöhnliche Mimik. Ich kann nicht genug Loblieder auf diesen Film singen. Das Schauspieler-Ensemble ist großartig. Da Emma Donoghue, die Autorin der Romanvorlage, auch das Drehbuch geschrieben hat, sind die Dialoge weder aufgesetzt noch gekünstelt, sondern authentisch und nachvollziehbar. Regisseur Lenny Abrahamson hat mit Room etwas geschaffen, das tief geht. Wer ein Drama erwartet, in dem am Ende alles gut wird und der Mythos der heilen Welt gewinnt, der ist bei Room falsch. Wer sich aber mit der Vielseitigkeit der menschlichen Psyche, gepaart mit ein wenig Gesellschaftskritik auseinandersetzen will, für den ist der Film genau richtig.

Room hat mich von der ersten Minute an in seinen Bann gezogen und mich am Ende verheult und erschüttert wieder in die Realität gespuckt. Unbedingt sehenswert!

Ab 28. Juli auf DVD erhältlich

 

The Green Mile

The Green Mile

Bild: Warner Bros. GmbH

“I’m tired, boss. Tired of being on the road, lonely as a sparrow in the rain. I’m tired of never having a buddy to be with, to tell me where we’s going to, coming from or why. Mostly, I’m tired of people being ugly to each other. I’m tired of all the pain I feel and hear in the world every day. There’s too much of it. It’s like pieces of glass in my head, all the time”

  • John Coffey – The Green Mile

Me before You (Ein ganzes halbes Jahr)

 

Ein ganzes halbes Jahr Film

Bild: Warner Bros. GmbH

Trailer

Sowohl den englischen Originaltitel Me before You als auch die deutsche Übersetzung Ein ganzes halbes Jahr finde ich nicht sehr passend – weder für das Buch noch für den Film. Aber das ist bei Schnulzenfilmen ja oft so. Die Vorschau zum Film habe ich gesehen, als ich mir How to be Single angeschaut habe. Ich wusste, dass er furchtbar kitschig werden würde, aber trotzdem hat mich dieser Film magisch angezogen; so sehr, dass ich vorher sogar das Buch gelesen habe. Ich wusste also, was auf mich zukommt.

Will Traynor ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt und kann nur noch ein paar Finger und seinen Kopf bewegen. Der einst erfolgreiche Draufgänger ist nun nicht nur an einen Rollstuhl gefesselt, sondern auch der Pflege seiner Mitmenschen ausgeliefert. Er ist missmutig und ein grundsolider Zyniker. Seit dem Unfall wohnt er anstatt in London wieder bei seinen Eltern in einer iyllischen Kleinstadt. Seine Mutter stellt die lebensfrohe, eigensinnige Louisa Clark als seine neue Pflegehilfe ein, in der Hoffnung, dass ihr Charme und ihre Energie auf Will abfärben. Die Entwicklung der Geschichte ist von Anfang an klar. Das Ende, zum Glück, nicht.

Ich weiß nicht, ob ich den Film gut finde, weil ich das Buch vorher gelesen habe und somit Wissen habe, dass der ahnungslose Zuschauer nicht besitzt. Die Beziehung zwischen Lou und Will entwickelt sich im Film offensichtlich viel schneller als im Buch. Auch ist ein wichtiges Detail ausgelassen worden und, ich denke, der Einfachheit halber, ist Louisa gar nicht erst zu ihrem Freund Patrick gezogen. Das Ende ist furchtbar umgesetzt und der allerwichtigste Satz, den Will im Buch am Strand sagt, fehlt. Was mir dagegen gut gefallen, ist der Soundtrack. Eine gelungene Mischung aus upbeat-Pop und Schnulzenmusik und auch der Titelsong kann sich hören lassen – genauso kitschig, wie der Film.

Die Geschichte konzentriert sich nur auf Lou und Will. Alle Anderen sind nebensächlich. Sie sind ein hübsches Paar. Die Schauspieler Emilia Clarke und Sam Claflin passen optisch gut zusammen. Auch die Chemie zwischen ihnen stimmt und beide werden ihren Rollen gerecht. Louisas extravaganter Kleidungsstil ist unnachahmlich, unterstreicht ihre fröhliche Persönlichkeit und ist super umgesetzt.  Emilia Clarke trägt ihn mit Selbstbewusstsein und scheint sich wohl zu fühlen. Bei Sam Claflin hat mich beeindruckt, wie er es schafft, nur mit seinem Gesicht und wenigen Worten zu kommunizieren. Da sind alle Gefühlsregungen vertreten. Von Abscheu über Sarkasmus bis Freude ist alles da – nur Trauer hat er leider nicht so drauf.

Es ist ein unheimlich romantischer Film, der vor Kitsch nur so trieft, aber aus irgendeinem, mir nicht erklärbaren Grund, hat er mir  – das Ende ausgenommen – gefallen. Außerdem spricht er auf seine Art und Weise ein sehr wichtiges Thema an: Selbstbestimmtes Sterben.