Film: Galloping Mind

Galloping Mind Poster

Bild: Savage Film

“Galloping Mind” habe ich vorletztes Jahr im Zuge eines Filmfestivals in Köln gesehen. Ich saß mit einem Freund zusammen in einem Tanzstudio, das der Besitzer zu einem Kinosaal umfunktioniert hat. Die Leinwand war weit weg und die Stühle unheimlich unbequem. Doch das alles war vergessen, als das eh schon schummrige Licht ausging und der Film anfing. Von der ersten Minute haben die Bilder mich in ihren Bann gezogen.

In dem Drama geht es um Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen. Durch einen Zwischenfall kurz nach der Geburt wachsen die beiden Kinder getrennt voneinander auf und wissen auch nicht, dass der beziehungsweise die Andere existiert. Sie leben zwei vollkommen unterschiedliche Leben. Durch Zufall treffen sie sich eines Tages und fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Doch die Geschichte dreht sich nicht nur um die beiden Kindern, sondern auch um ihre Eltern und Freunde. “Galloping Minds” erzählt über Schicksal und Zufall, Verlust und Angst, Anziehung und Zusammenhalt. Ein faszinierender Film über ein Geschwisterpaar in einer vermeintlich perfekten Welt. Was auch immer perfekt für den Einzelnen bedeutet.

Der belgische Regisseur Wim Vandekeybus hat mit “Galloping Mind” ein vielschichtiges Drama geschaffen. Der Film ist mit englischen Untertiteln ausgestattet, weil er zwischen französisch, englisch und auch ungarisch wechselt. Das erzeugt aber weder Chaos noch Unverständnis, sondern verleiht den Charakteren und ihrer Darstellung nur noch mehr Authentizität. Die Kommunikation liegt eh weniger in der gesprochenen als in der Körpersprache. Lachen, Blicke und Gesten sagen so viel mehr als auch nur ein Laut. Das ist aber nur möglich, weil alle Schauspielerinnen und Schauspieler verstehen, was sie tun. Dabei ist die Leistung der Kinder noch beeindruckender als die der Erwachsenen. Der Zuschauer wird Teil des Films, ein Teil der Gang oder der Familie. Nichts kann ihn aufhalten, über den Strand zu reiten, von einer Brücke zu springen, unter freiem Himmel zu schlafen. Doch zwischen dieses Gefühl der Freiheit mischt sich etwas beklemmendes, eine Angst, die einen nicht loslässt und gebannt in seinem Sitz verharren lässt.

Das Licht im Film spielt ebenfalls eine große Rolle. Zwischen harten Linien in der Nacht und im Haus und weichen, sonnendurchfluteten Aufnahmen am Strand und im Lager der Gang spiegelt die Beleuchtung die Stimmung der Charaktere und ihrer Beziehung zueinander. Genauso ist es mit der musikalischen Untermalung. Harte Klänge in der Nacht, weiche Klänge, wenn die Geschwister zusammen sind. Beides trägt noch mehr zu der mystischen Seite des Dramas bei und lässt einen noch tiefer in diese bizarre Filmwelt abtauchen.

“Galloping Mind” ist definitiv kein Film für das Mainstream-Publikum. Er ist ein Wagnis. Aber wer es schafft, das Gesehene einfach auf sich wirken zu lassen, wird in eine andere Welt entführt, die es mehr als wert ist, entdeckt zu werden.

 

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DVD: Sergeant Rex

Sergeant Rex Poster

Bilder: Ascot Elite Home Entertainment

Letztes Jahr im Sommer hat mir meine Freundin den Trailer zu diesem Film geschickt. Sie wollte wissen, ob ich mit ihr ins Kino gehe, wenn er bei uns raus kommt. Eine lange Wartezeit, denn “Megan Leavey” – so der Titel im Original – hat es in Deutschland nie auf die große Leinwand geschafft. Nun erscheint er bei uns auf DVD und ich konnte ihn doch noch mit meiner Freundin schauen.

Warum “Sergeant Rex – Nicht ohne meinen Hund” nicht bei uns in den Kinos lief? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil die Geschichte das deutsche Publikum abgeschreckt hätte. US-Militär, Marines, Auslandseinsatz im Irak, Bomben und Minen suchen, ist alles harter Stoff, der anscheinend eher für patriotische Amerikaner gemacht ist. Da ist es egal, dass der Film auf einer wahren Geschichte beruht.

Die titelgebende Megan Leavey kommt aus einer zerrütteten Familie. Mit ihrer Mutter versteht sie sich nicht, ihre Arbeit kotzt sie an und zu allem Überfluss ist vor einem Jahr ihr bester Freund, ihr Anker gestorben. Sie hat das Leben in der Einöde satt. Sie möchte raus. Kurzentschlossen meldet sie sich zum Militärdienst und kämpft sich dort bis zur Hundestaffel hoch. Ihr Partner ist Schäferhund Rex. Die beiden bilden bald ein eingespieltes Team. Früh, vielleicht zu früh, steht ihr erster Einsatz im Irak bevor. Nun wird es ernst. Das, wofür sie so intensiv trainiert haben, wird Realität und zerrt ganz schön an den Nerven. Leavey lernt dabei, was Vertrauen und Liebe sind und auch Rex scheint sich in Leaveys Nähe sichtlich wohl zu fühlen. Diese Verbindung findet ein jähes Ende, als die Tierärztin beschließt, dass Rex zu gefährlich ist, um außerhalb des Militärdienstes zu leben. Sie will ihn einschläfern. Von da an kämpft Leavey mit allen Mitteln, ihren Partner zu sich holen zu können, um ihm einen guten, würdigen Lebensabend zu bieten.

Meine Beschreibung des Films ist ein wenig irreführend. Die aktive Zeit der beiden nimmt mehr Erzählzeit in Anspruch, als Megans Kampf, Rex zu sich zu holen. Doch ist beides gleichermaßen wichtig, spannend und auch ergreifend. Kate Mara liefert eine überzeugende Performance ab. Dass sie sich selber als Tierliebhaberin bezeichnet, hat bestimmt geholfen, sich in die Rolle einzufinden und eine Verbindung zu ihrem Hund aufzubauen. Um die Soldatin authentisch zu porträtieren war es wohl auch nützlich, dass Megan Leavey und Kate Mara sich kennengelernt haben und Leavey öfter am Filmset war.

“Sergeant Rex” ist kein reiner Kriegsfilm, obwohl er die meiste Zeit über beim Militär spielt. Er zeigt so viel mehr als das. Dabei ist er sehr realistisch. Vor allem, weil er nicht mit Spezialeffekten überladen ist. Hier geht es um die Geschichte, nicht um die Action. Spannend ist der Film trotzdem. Gerade die kleinen, feinen, leisen Nuancen machen die Geschichte aus. Tiere urteilen nicht über Menschen. Sie nehmen sie so, wie sie sind. Sie merken, ob es jemand gut mit ihnen meint oder nicht. So wie Rex Leavey mit ihren Depressionen hilft, verurteilt Leavey Rex nicht, weil er genau so unter PTSD (Post Traumatic Stress Syndrome) leidet, wie viele Soldaten. Genau so wie er ihr Zeit gelassen hat, nimmt sie sich Zeit für ihn.

Wer Tiere liebt und nah am Wasser gebaut ist, wird in diesem Drama die ein oder andere Träne verdrücken. “Sergeant Rex” ist ein Film über Zusammenhalt, Mut und neue Chancen. Außerdem wirft er wie so oft wieder die Frage in den Raum, ob Tiere nicht doch die besseren Menschen sind.

Ab 12. Januar auf DVD erhältlich.

DVD: Tulpenfieber

Tulpenfieber Poster

Bilder: Prokino Filmverleih

Mit “Tulpenfieber” habe ich mir seit langem mal wieder einen Liebesfilm angeschaut. Neugierig gemacht, hat mich der Film, weil er im Goldenen Zeitalter der Niederlande in Amsterdam spielt und unter anderem die Machenschaften an der Börse und die Spekulationen um kostspielige Tulpenzwiebeln einen Teil der Handlung ausmachen. Gespannt habe ich vorher das gleichnamige Buch gelesen und war ich voller Erwartung für die Adaption.

 

Sophia ist mit dem reichen Kaufmann Cornelis Sandvoort verheiratet. Er ist erheblich älter als sie, dennoch bewundert und liebt er sie. Jeden Abend schläft er mit ihr, damit sie ihm endlich den lang ersehnten Erben schenken kann. Aber bisher konnte er sie noch nicht schwängern. Doch das ist vermeintlich das einzige, was ihr Glück trübt. Um die eheliche Harmonie festzuhalten, bittet Cornelis den Maler Jan van Loos, ein Bild des Paares anzufertigen. Hals über Kopf verlieben sich der Künstler und Sophia ineinander. Sie möchten zusammen sein, Sophia bringt es aber nicht übers Herz, ihren Mann zu verlassen. Ihr Glaube und die Gesellschaft erlauben ihr das nicht. Da passt es gut, dass Sophias Magd Maria von ihrem Verlobten Willem, der nicht mehr aufzufinden ist, ein Kind erwartet. Um Marias Ehre zu bewahren und Sophias Wunsch zu erfüllen, schmieden die beiden einen heiklen Plan.

Im Laufe des Films habe ich mich gefragt, ob ich die Story überhaupt verstehen würde, wenn ich das Buch vorher nicht gelesen hätte, so schnell und oberflächlich rast die Handlung dahin. Eine gute Frage, die ich nicht beantworten kann. Was ich aber sagen kann, ist, dass Regisseur Justin Chadwick so einiges an der Geschichte geändert hat. Judi Denchs Charakter als Äbtissin von St. Ursula, die in der Verfilmung eine recht wichtige Rolle spielt, kommt im gleichnamigen Buch gar nicht vor. Trotzdem ist die Klangfarbe des Dramas dem Roman sehr ähnlich. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Autorin Deborah Moggach auch das Drehbuch geschrieben hat. So gibt es zwar Abweichungen, dennoch bleibt der Kern der Liebesgeschichte und die Stimmung erhalten.

Doch nicht nur der Erzählstil des Dramas, auch die Szenerie stechen hervor. Amsterdam strahlt in seiner ganzen geschäftigen Pracht. Die Stadt ist voller Menschen. Die Dirnen und Trunkenbolde, aber auch Kaufmänner, Seefahrer und Händler säumen die engen Gassen und Grachten und den weiten Hafen. Die Mischung aus Fisch und Seeluft am Markt ist förmlich zu riechen. Die Bilder des Historiendramas sind beeindruckend. Sie transportieren die Gefühle der Geschichte besser als jedes Wort, jede Handlung, jeder Dialog.

Denn neben den großartigen Kulissen verblassen die Schauspielerinnen und Schauspieler. Die große, leidenschaftliche Liebe zwischen Jan und Sophia kauft den beiden keiner ab. Auch wenn Sophia Sandvoort immer ein wenig zurückhaltend ist, weil sie ein schlechtes Gewissen ihrem Mann (Christoph Waltz) gegenüber hat, stimmt die Chemie zwischen ihr und dem plumpen Maler einfach nicht. Alicia Vikander und Dane DeHaan schaffen es nicht, den Zuschauer davon zu überzeugen, dass ihre Liebe echt und es wert ist, ihr Leben zu riskieren. Beide Schauspieler schaffen es nicht, ihre Beziehung überzeugend zu vermitteln. Überhaupt spielt Dane DeHaan sehr platt und einfallslos. Sein Jan van Loos hat keine Facetten, keine Emotionen. Den heißblütigen, kreativen Maler nimmt ihm niemand ab. Waltz und Vikander bleiben weit unter ihren Möglichkeiten. Vikander überzeugt viel mehr im Zusammenspiel mit ihrer Magd und Freundin Maria (Holliday Grainger). Überhaupt sind die Nebencharaktere diejenigen, die den Film tragen. Unter anderem auch – für mich überraschend – Cara Delevingne als Annetje (im Buch eine Hure, im Film eventuell auch).

“Tulpenfieber” ist ein schöner Film, aber er verspricht mehr als er liefern kann beziehungsweise der Trailer lenkt die Erwartungen in eine Richtung, die kaum eine Rolle spielt. Ein Historienfilm mit seichter Liebesgeschichte und großartigen Bildern. Wer “Ein ganzes halbes Jahr” mag, wird auch “Tulpenfieber” mögen. Das Buch ist aber definitiv besser als der Film.

Ab 22. Dezember auf DVD und Blu-ray erhältlich.

DVD: Kedi – Von Katzen und Menschen

Kedi Poster

Copyright: Oscilloscope Pictures

Ein Video von Hank Green – die eine Hälfte der Vlogbrothers – hat mich auf “Kedi” aufmerksam gemacht. Es ist ein Dokumentarfilm, der sich nicht wie einer anfühlt. Er entführt uns in ein belebtes Stadtviertel Istanbuls, direkt am Bosporus gelegen. Dort lebt eine hohe Anzahl an Straßenkatzen. Sie gehören niemandem, haben kein festes Zuhause, aber alle haben sich ihre Lieblingsmenschen im Viertel ausgesucht, die sie täglich besuchen. Diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit, denn die Katzen sind für die ausgesuchten Personen eine Bereicherung. Sie füttern sie, geben ihnen Wasser, bürsten sie, gehen mit ihnen zum Tierarzt, geben ihr letztes Geld aus, als wären sie ihre eigenen. Nur einsperren würden sie die Katzen nie. So erzählt “Kedi” von Katzen und Menschen und ihrem Zusammenleben in einer der schönsten Städte Europas.

Irgendwie verzaubert der Film einen. Er ist ein wenig wie ein Stück Urlaub. Alles ist langsamer, ruhiger. Und das in mitten einer Metropole. Die Hektik ist vergessen und ich schaue diesen Katzen zu, wie sie einen Baum hochspringen, um an das Fenster der alten Dame zu klettern, die ihnen die Balkontür aufmacht und ihnen etwas zu fressen gibt. Danach schauen die Katzen, ob in der Wohnung alles in Ordnung ist, holen sich ihre Streicheleinheiten ab und dann sind sie schon wieder fort. Das hat etwas Unbefangenes, etwas Selbstverständliches. Diese Katzen brauchen ihre Freiheit und ihre Menschen verstehen das. Sie wissen, dass sie ihre Katze nicht verändern, dressieren oder einsperren können. Jede Katze hat ihren eigenen Charakter. Das spiegelt der Film wunderbar wider. So beschreibt ein Mensch “seine” Katze und auf dem Bildschirm ist genau das zu sehen. Ich glaube, das macht für mich auch ein wenig die Faszination dieser Dokumentation aus: die Vermenschlichung der Tiere; dass Tieren mehr und eher vergeben wird als Menschen. Und doch scheint den Kellnern, Ladenbesitzern, Baristas und Hafenarbeitern klar zu sein, dass diese Tiere keine Menschen sind, dass diese Tiere ihre Freiheit brauchen. Und am Ende hat jede Zuschauerin und jeder Zuschauer seine Lieblingskatze, garantiert!

Zu der beruhigenden Atmosphäre trägt auch das Licht in den Gassen Istanbuls bei. Der Schimmer dieser Stadt ist wundervoll. Dabei ist es egal, ob der Himmel bedeckt ist oder vor blau strahlt. Ein ganz eigener Glanz spiegelt sich auf dem Kopfsteinpflaster und in den Schaufenstern. Das ist einfach nur schön.

Anschauen kann man sich den Film entweder im Original auf Türkisch, dann wahlweise mit deutschen Untertiteln oder direkt in der deutschen Übersetzung. Dabei ist die Doku aber nicht synchronisiert. Die deutsche Stimme spricht einfach über die leise gestellte türkische drüber. Das ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber mir war es lieber als das ständige lesen. So konnte ich die Bilder bei weitem besser genießen.

“Kedi – Von Katzen und Menschen” ist nicht nur für Katzenliebhaber, Travel-Freaks und Achtsamkeitsfanatiker, sondern auch für die unter uns, die 80 Minuten Zeit haben, um sich etwas Schönes anzuschauen und ein wenig den Glauben an die Menschlichkeit wiederzugewinnen. Denn, wenn Menschen so nett zu Katzen sein können, schaffen wir es auch, uns besser umeinander zu kümmern, miteinander umzugehen. Irgendwann, vielleicht, hoffentlich.

Ab 15. Dezember auf DVD erhältlich.

Titelbild Copyright: scilloscope Laboratories / Epicentre Films

Colossal

Colossal

Bilder: Universum Film GmbH

“Colossal” von Regisseur Nacho Vigalondo: angefangen wegen Anne Hathaway und dem süßen Monster, zu Ende geguckt wegen Anne Hathaway und dem süßen Monster. Was dazwischen passiert ist reichlich skurril und abgedreht. Der Film ist definitiv nicht für jeden. Was ihn sehenswert macht, sind eine phänomenale Anne Hathaway und ein sehr süßes Monster. Wiederhole ich mich da etwa? Nein! Das kann überhaupt nicht sein!

Die Story fängt wie eine überdramatische Rom-Com oder ein theatralisches Drama an. Ihr Lebensgefährte setzt Gloria (Anne Hathaway) vor die Tür. Tim (Dan Stevens) hat genug davon, dass sie fast täglich im Morgengrauen sturzbetrunken nach Hause kommt, sich deswegen reichlich Ausreden einfallen lässt und das auch noch witzig findet. Gloria zieht sich in das Haus ihrer verstorbenen Eltern in eine Kleinstadt zurück. Prompt trifft sie auf Oscar (Jason Sudeikis), ihren Freund aus der Schulzeit, der ihr einen Job in seiner Bar anbietet. Ob das so eine gute Idee ist? Eine Alkoholikerin direkt an der Quelle? Genau hier hört die Rom-Com auf und fängt die Sci-Fi Dramedy an. Gloria stellt sich ihrer Alkoholabhängigkeit, als sie merkt, dass sie aus einem Sandkasten heraus ein gigantisches Monster steuert, dass die Millionenmetropole Seoul bedroht und mit seiner Unachtsamkeit schon einige Menschen zertrampelt hat.

Klingt abgefahren? Ist es auch. Man muss sich von jeglichem Realitätszwang frei machen, nichts erwarten, einfach gucken. Genau dann funktioniert der Film. Zwei Erwachsenen dabei zuzuschauen, wie sie sich im Sandkasten vermöbeln, hat etwas sehr bizarres. Ich habe mich gefragt, ob der Film eine Analogie dazu ist, dass wir alle bedenken sollten, dass unsere Taten größere Auswirkungen haben, als wir uns das vorstellen können. Mit kleinen Gesten großes bewirken, nur in einer umgekehrten Form irgendwie. “Colossal” lässt auf jeden Fall sehr viel Interpretationsspielraum. Vielleicht zeigt er auch, wie unberechenbar ein Mensch wird, wenn er betrunken ist und dass er Leuten weh tut, denen er gar nicht weh tun möchte. Wie gesagt, Bedeutungsmöglichkeiten gibt es viele. Sie machen den Film aber nicht besser oder schlechter. Die Idee hinter “Colossal” ist so wahnwitzig und abgedreht, dass es diese hypothetische “was-wäre-wenn”-Spirale in Gang bringt. Es hat was von einem modernen Märchen. Die Heldin muss gehen mehrere Dämonen kämpfen, um die Stadt (und sich selber) zu befreien. Je mehr ich über den Film nachdenke, umso mehr gefällt er mir.

Kommen wir nun aber zu den beiden größten Gründen, warum ich den Film mag: Richtig! Anne Hathaway und das süße Monster. Hathaways Performance ist abwechslungsreich und daher eindrucksvoll. Dabei hat sie als Gloria so einen trockenen Humor, ist sarkastisch, aber auch schlau und provozierend. Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielseitig und unterschätzt diese Schauspielerin ist. Dabei ist der schwarze Eyeliner so überdramatisch wie ihre Anfangsperformance. Ihr Alter-Ego, das Monster, wirkt auf den ersten Blick wie ein überdimensionierter Groot mit einer anderen Frisur. Es ist bemerkenswert, wie sehr die Mimik und Gestik dieses Monster mit denen Hathaways übereinstimmen. Die Animationsabteilung hat vorzügliche Arbeit geleistet. Wenn Hathaway und das Monster anfangen die Hüften zu schwingen, müssen nicht nur Glorias Kollegen lachen. Das einzige, was mich an dem Film verwirrt hat, ist das Ende (Wozu ich hier aber nicht mehr sagen kann, ohne zu spoilern).

Wer skurriles Arthouse Kino mag, dem könnte “Colossal” gefallen. Wer mit einer Mischung aus Sci-Fi und Realität nichts anfangen kann, dem sei von diesem Film abgeraten. Wer Anne Hathaway und süße Monster mag, muss diesen Film schauen.

Ab 01. Dezember auf DVD erhältlich.

Valerian – Die Stadt der Tausend Planeten

Valerian Poster

Bilder: Universum Film GmbH

In “Valerian – Die Stadt der Tausend Planeten” sind die Spezialagenten Valerian und Laureline auf Streife zwischen den Welten und sorgen für Ordnung. Die beiden verbindet eine große Hassliebe. Selten sind sie derselben Meinung. Das einzige, worauf sie sich einigen können, ist, dass sie urlaubsreif sind. Doch das steht in weiter Ferne. Erstmal müssen sie einen Auftrag ausführen. Der geht zum einen beinahe schief, zum anderen führt er sie aber auf eine brisante Fährte. Valerian und Laureline sollen herausfinden, was mit den Pearls auf Mül wirklich passiert ist und finden dabei äußerst unschöne Dinge heraus, denn der Bösewicht kommt aus den eigenen Reihen.

Die Handschrift von Regisseur Luc Besson ist klar zu erkennen. “Das fünfte Element” war erst der Anfang. In “Valerian” tobt er sich so richtig aus. Das neue Universum ist super umgesetzt. Auch die Raumstation kann sich sehen lassen. Die Vielfalt an neuen Galaxis-Bewohnern ist riesig und lässt alleine da schon erkennen, was für eine Kreativität in dem Film steckt. Optisch ein Augenschmaus: detailverliebt und opulent, dabei in keinster Weise übertrieben. Auf der Leinwand wie zu Hause absolut anschaulich. Zum einen ist gut zu erkennen, dass sich Besson intensiv mit der Comic-Vorlage “Valérian Et Laureline” gezeichnet von Jean-Claude Mézières, getextet von Pierre Christin beschäftigt hat. Zum anderen ist eine Gewisse Inspiration aus den “Star-Wars”-Filmen nicht von der Hand zu weisen. Hat vielleicht aber auch damit zu tun, dass es hier unter anderem bereits um die Föderation geht. Und was genau ist die Verbindung zwischen “Star Wars” und “Valerian”? Während “Valerian” auf der Comicreihe selber beruht, ist die “Star Wars”-Saga davon inspiriert.

Was die Schauspieler angeht, bin ich weniger euphorisch. Ich habe mal wieder gemerkt, dass ich keine große Freundin von Dane DeHaan bin. Woran das genau liegt, kann ich nicht sagen. Er hat mich als Möchtegern-Macho Valerian einfach nicht überzeugt. Da hätte ich es schöner gefunden, wenn jemand anderes seine Hühnerbrust in die Kamera gehalten hätte. Aber hier muss ich sagen, dass es Geschmackssache ist. Schlechter wäre es bestimmt auch gegangen. Cara Delevingne als Laureline dagegen hat mich schon mehr überzeugt. Es ist ihr anzusehen, dass sie Erfahrung als Model hat und gut weiß, welche Bewegungen wie rüberkommen. Sie kann sich vor der Kamera bewegen. Dazu kommt noch, dass sie einfach eine unverwechselbare Stimme hat mit der sie Valerians plumpe Flirtattacken charmant, leicht schelmig zurückweist. Auch wenn ich DeHaan nicht prickelnd finde, war die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern dennoch gut. Zusammenpassen tun sie schon, nur jeder für sich ist irgendwie langweilig. Rihanna in der Rolle als Bubbles hat mich überhaupt nicht überzeugt und ist meines Erachtens nach überflüssig.

Was “Star Wars” im großen Stil macht, setzt “Valerian” im kleinen um. Der Film appelliert an unser Gewissen. Wie weit gehen Habgier und Machtstreben. Darf man jemanden quälen, um Informationen zu bekommen, besonders, wenn man in ihm nicht etwas ebenbürtiges erkennt? Darf man etwas zerstören, weil es einem im Weg ist? Ist Völkermord gerechtfertigt, wenn es einem vermeintlich höheren Ziel dient? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Valerian und Laureline und kommen zu einer eindeutigen Antwort. Teils ein wenig platt umgesetzt, aber natürlich mit einem großen Showdown.

“Valerian – Die Stadt der Tausend Planeten” ist so etwas wie die kleine Schwester von “Star Wars”. Nicht ganz so tiefgründig und dunkel, sondern teils leichtsinnig und bunt, ist er dennoch durchaus sehenswert. Da bleibt nur noch die Frage, ob unsere Helden am Ende ihren wohlverdienten Urlaub vielleicht doch noch kriegen?

Ab 30. November auf DVD erhältlich.

The Dinner

The Dinner

BIld: Tobis Film

The Dinner ist eine Adaption des Buchs Angerichtet von Herman Koch. Den Buchumschlag hatte ich schon öfter in meinen Lieblingsbuchladen gesehen. Er hatte mich aber nie angesprochen. Als ich dann gehört habe, dass der Roman auf die Kinoleinwand kommt, habe ich mir das Buch besorgt und gelesen. Danach war ich, um es milde zu sagen, verstört. (Meine Besprechung des Buchs findet ihr hier.) Je mehr ich mich aber mit dem Buch auseinandergesetzt habe, umso mehr habe ich mich gefragt, wie Regisseur Oren Moverman das Material umgesetzt hat. Potential hatte das Buch nämlich schon. Um es vorweg zu nehmen: Der Film hat mich nicht mehr überzeugt als das Buch.

Zwei Brüder treffen sich mit ihren Ehefrauen in einem Nobelrestaurant. Direkt am Anfang fängt meine Verwirrung schon an. Moverman hat das Geschehen von den Niederlanden in die USA verlegt. Außerdem hat er einen der Hauptcharaktere umbenannt. Serge heißt nun Stan – und dieser möchte nicht Ministerpräsident der Niederlande, sondern Gouverneur der Vereinigten Staaten werden. Dann ist da noch seine Frau Kate(lyn), die es in der Romanvorlage gar nicht gibt und irgendwie sah alles ganz anders aus, als ich es mir vorgestellt habe. Aber das ist bei Buchverfilmungen ja oft so.

Doch die Unstimmigkeiten betreffen nicht nur die Umsetzung. Der Film will zuviel. Er ist hektisch. Es kommt keine Ruhe auf, um dem Geschehen zu folgen. Alle Charaktere sind unsympathisch – nicht nur dem Zuschauer, sondern auch einander. Immer wieder werden die beiden Ehepaare auf der Suche nach Ruhe und Privatsphäre durch die verschiedenen Räume gescheucht. Zwischenzeitlich verlegt Moverman die Handlung ins Freie. Das hin und her gepaart mit Rückblenden, Monologen und Voice-over führen nicht dazu, dass irgend einer der Handlungsstränge schlüssig ist. So kommt auch nie wirklich Spannung auf, weil die Story zu vielschichtig, zu komplex ist. Das einzige, was klar wird, ist, dass die vier Erwachsenen sich zusammengefunden haben, um über die grausame Tat zu sprechen, die ihre Kinder verübt haben. Kommt es jemals zu einem klärenden Gespräch? Nein, nicht wirklich. Alle sind viel zu beschäftigt damit, aneinander vorbeizureden, sauer und hasserfüllt zu sein. Bei soviel durcheinander macht es überhaupt keinen Spaß mehr zuzuschauen.

Der Film ist vage an das Buch angelehnt, nimmt sich aber viele Freiheiten raus und verwirrt den aufmerksamen Leser dadurch. Diejenigen, welche die Romanvorlage nicht kennen, müssen sehr konzentriert sein, um alle relevanten Details mitzukommen und sich das Thriller-Puzzle selber zusammenzubasteln. Alles in allem ein anstrengender Film mit sehr guten Schauspielern, aber konfuser Umsetzung.

Ab 19. Oktober auf DVD, Blu-ray und VoD erhältlich.