Zitat: Mit kleinem Gepäck

Mit leichtem Gepäck

Cover: Gütersloher Verlagshaus

“Es gibt diese Orte, an denen jeder, der sich öffnet, auf Wesentliches zurückgeführt wird und die Möglichkeit erhält, im Kleinen etwas ganz Großes zu entdecken.”

 

  • Tamina Kallert in Mit kleinem Gepäck

 

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Buch: Es war einmal im Fernen Osten

Dieses Buch hat das geschafft, was ich mir von ihm erhofft habe. “Es war einmal im Fernen Osten – Ein Leben zwischen zwei Welten” hat mich einer mir fremden Kultur näher gebracht. Es hat aber auch viele Fragen bei mir hinterlassen und mich neugierig gemacht, mehr über das Leben in China zu erfahren.

es war einmal im fernen osten

Cover: Knaus Verlag

Ich habe Xiaolu Guo begleitet. Sie lässt mich an ihren Erinnerungen und Gedanken teilhaben. Von ihrer frühen Kindheit bei ihren Großeltern im Fischerort Shitang über ihre Jugendjahre bei ihren Eltern in der Industriestadt Wenling bis zum Studium in Peking und ihrem Leben in London erzählt Guo mal leidenschaftlich, mal nüchtern und sachlich, doch oft euch leise und vorsichtig von ihren Erlebnissen. So vieles in ihren Worten ist mir fremd. Ich, als Kind des Westens, weiß nicht, wie es ist, in der “Ein-Kind-Politik” aufzuwachsen. Wie es ist, nicht frei seine Meinung äußern zu können. Wie es ist, einen Diktator wie Mao zu verehren. (Doch dafür muss man nicht nach China reisen.) Sie zeichnet ein faszinierendes Leben auf, das fernab von dem ist, was ich bisher erlebt habe.

Die Sprache des Buches ist einfach. Keine langen, komplexen Schachtelsätze, sondern so geschrieben, wie sie auch erzählen würde – so stelle ich mir das jedenfalls vor. Die Biografie ist in fünf Teile gegliedert. Shitang, Wenling, Peking, London und ein abschließendes Kapitel über Leben und Tod. Vor jedem dieser Abschnitte ist ein Teil einer Legende geschrieben. Es geht um einen Mönch und einen Affen, die zusammen auf Wanderschaft nach Indien gehen, um die Weisheit zu entdecken. Wie sollte es anders sein, sind die Abschnitte der Legende passend zu den Lebensetappen Guos gewählt. Das hat mir gut gefallen. Auch die fünf Fotos vor jedem Abschnitt, die die Autorin zeigen, geben dem Buch einen authentischen Touch.

Spricht Guo über Sex, ist es lieblos, kalt und nüchtern. Sex ist etwas, dass ihr Männer angetan und aufgezwungen haben. Es ist nichts, was sie wollte, was ihr gefiel. Es war ein nötiges Übel einer chinesischen Frau. Sie schreibt:

“Wenn ich heute an die Zeit zurückdenke, wird mir vieles klar. Ganz offensichtlich sind viele chinesische Mädchen Opfer eines Missbrauchs geworden und sehen deshalb in der Liebe das Gegenteil von Sex. In heterosexuellen Beziehungen ist der Sex für sie nur von männlichen Übergriffen und Gewalt geprägt, während Liebe für sie einen viel höheren Stellenwert hat und im Grunde genommen asexuell sein sollte.”

Neben solchen Beobachtungen sind es immer wieder die kleinen Nebensätze, in denen sie einstreut, dass China in Sachen Gleichberechtigung noch sehr rückständig ist. Ihr Bruder hatte beim Essen immer den Vortritt bekommen. Der Vater und der Bruder nahmen sich bei den Mahlzeiten, was sie essen wollten. Das Fleisch war ihnen vorbehalten. Die Mutter und sie aßen nur, was die Männer ihnen übrig ließen. Auch ist es immer wieder das Bestreben ihrer Mutter ihre Tochter zu verheiraten. Ohne Mann ist Guo für ihre Mutter nichts wert.

“Mutter war nicht nur nach England gekommen, weil ihr Mann den Westen sehen wollte, sie hatte auch einen eigenen geheimen Grund gehabt: Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben und ihre Tochter verheiraten. Deshalb hatte sie sich mit Fotos und Lebensläufen ausgerüstet, aus denen ich ihren zukünftigen Schwiegersohn auswählen sollte. Doch mittlerweile wusste sie, dass der Versuch fehlgeschlagen war. Ihr wortloses Seufzen im Park war auch der Erkenntnis geschuldet, dass sie keinen Einfluss mehr auf mein Erwachsenenleben hatte. Mich wiederum machte es auf eine etwas erbarmungslose Art glücklich, dass meine Mutter jetzt eine kleine faltige Frau war und die Macht über mein Leben verloren hatte.”

Aber auch Aspekte des modernen Feminismus greift Guo auf. Die spricht über ihre Erfahrungen mit dem “Male-Gaze” an der Filmhochschule in Peking. Oder aber davon, dass sie nie wieder mit einem chinesischen beziehungsweise überhaupt mit einem Mann zusammen sein will, der sie unterdrückt und schlägt.

Xiaolu Guo: Es war einmal im Fernen Osten

Verlag: Knaus
Erschienen: September 2017
Genre: Biografie
Seitenzahl: 368
ISBN: 978-3-8135-0769-0
Bindung: Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
Preis: 24,00 €

Ich habe das Buch gerne gelesen, weil es mir einen Einblick, in eine mir fremde Welt verschafft hat. Und doch habe ich immer wieder Parallelen zu meinem eigenen Leben entdeckt. Dinge, die ich nachvollziehen konnte. Die Balance zwischen fremd und vertraut hat mir gefallen. Manchmal hätte ich mir besonders in den späteren Kapiteln gewünscht, zu erfahren, wie lange sie in Peking beziehungsweise in London war. Irgendwann verliert sich zwischen den Seiten jegliches Zeitgefühl. Manchmal hätte ich mir gewünscht, wenn sie bestimmte Begriffe und ihre Bedeutung für sie erklärt hätte. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ein spannendes, teils unangenehmes Buch, das einem sowohl einen Menschen als auch eine Kultur näher bringt.

 

Die Autorin Xiaolu Guo stellt ihren ersten Roman “Kleines Wörterbuch für Liebende vor”. Das Buch kommt auch in dem besprochenen Buch vor.

Titelbild: pixabay/stocksnap

Zitat: Es war einmal im Fernen Osten

es war einmal im fernen osten

Cover: Knaus Verlag

“In Wenling gab es keinen Strand, keine zerklüftete Küste, an der ich meinen Gedanken nachhängen konnte, kein unendliches Meer, über das meine Träume zogen. Mir wurde klar, dass ich mich in die soziale Ordnung einfügen musste. Doch für ein Kind war diese Ordnung ein politisches Labyrinth.”

  • Xiaolu Guo in Es war einmal im Fernen Osten

Zitat: Meine geniale Freundin

Meine geniale Freundin

Cover: Suhrkamp

“Für mich war es in der Schule vom ersten Tag an viel schöner als zu Hause gewesen. Sie war der Ort im Rione, wo ich mich am sichersten fühlte, ich ging sehr eifrig dorthin. Im Unterricht war ich aufmerksam, mit größter Sorgfalt erledigte ich alles, was mir aufgetragen wurde, ich lernte. Doch besonders gefiel es mir, der Lehrerin zu gefallen, es gefiel mir, allen zu gefallen.”

  • Elena in Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

 

Nachdem ich die letzte Woche mit dem Buch “Untenrum frei” beschäftigt habe, werde ich nun stutzig, wenn ich so etwas lese. Trägt genauso eine Darstellung des Frauensbildes, dass Mädchen schon gefallen wollen, zu den eingängigen Geschlechterverhältnissen bei?

Buch: Die Welt von oben

In einer Zeit, in der ich noch nicht genug zu tun habe, dachte ich mir: “Hey, ich probier’ mich mal als Buchbloggerin.” Hier ist also meine erste Buchrezension auf diesem Blog. Viel Spaß beim Lesen!

Die Welt von oben von Torsten Johannknecht

Cover: Randomhouse

Das erste, was mich bei “Die Welt von oben” angesprochen hat, waren Titel und Cover. Ursprünglich habe ich gedacht, dass es ein Buch über das Bergsteigen sei. Der dynamische Mann auf dem Cover erzählt mir in diesem Buch etwas über seine Erlebnisse beim Bergsteigen auf hohe Gipfel. Fehlgedanken. Der Mann auf dem Cover ist Autor Torsten Johannknecht. Und er geht nicht etwa wandern – dass Wandern cool sein kann, entdeckt er erst auf seiner Reise -, sondern ist mit 205cm sehr groß. Daher schreibt er aus seiner Perspektive. Die Freuden, aber doch meist Probleme, die seine Größe bei der Weltreise, die er gemacht hat, mit sich brachten. So passt auch der Untertitel sehr gut: “3 Kontinente, 7 Monate und jede Menge Abenteuer in Schuhgröße 52”. Ziemlich unvorstellbar. Ich bin da nämlich eher wie seine Reisebegleitung Bärbel – 164cm und Schuhgröße 37 (okay, Bärbel hat 38).
Hach ja, Bärbel. Bei ihr war ich mir auch erst ab Mitte des Buches sicher, in welchem Verhältnis sie zum Autor steht. Gut, dass sich das dann doch geklärt hat.

Als Reiselektüre im Liegestuhl am Pool war dieses Buch nahezu perfekt. Amüsant mit einer lockeren Wortwahl geschrieben. Am Anfang war ich zwar ein wenig verwirrt, ob Torsten Johannknecht überhaupt auf diese Reise gehen wollte, weil alles einen negativen Touch bekommen hat. Aber vielleicht hat er einfach Bärbel vermisst. Die war in den ersten sechs Wochen nämlich nicht dabei. Später ändert sich das. Da klingt es dann nicht mehr ganz so sarkastisch. Was mir sehr gefallen hat, ist, dass ich auf den ersten Seiten schon über Dinge gelesen habe, die ich auch machen möchte, wenn ich Lateinamerika (bzw. Südamerika) (wieder) bereise. Meine Bärbel – nein, sie heißt nicht wirklich Bärbel, aber zum Zwecke der Anonymität nennen wir sie so – meinte dazu nur: “Klingt gut. Machen wir.” In Kolumbien in einem LKW-Reifen ein Fluss hinunterfloaten ist also schon mal geplant. Davon, mit dem Fahrrad die Death Road herunterzufahren, war sie aber nicht so beeindruckt. Das Buch inspiriert auf jeden Fall. Egal, wie groß man ist.

Mehr als die Hälfte des Buchs nimmt die Reise durch Südamerika ein. Kommt wohl daher, dass sie dort auch die meiste Zeit verbracht hat. Hier liegen aber auch meine Kritikpunkte. Es wäre schön zu wissen, wie lange Johannknecht und seine Begleitung wo verbracht haben. In den Kapitelüberschriften steht zwar, wo die beiden sich gerade befinden, aber nicht wie lange. In meinen Augen kommen abgesehen von Neuseeland und Fidschi die anderen Länder beziehungsweise Kontinente zu kurz. Wie war es in Australien? Warum steht am Ende nichts mehr über Macau oder Bangkok? Am Ende hatte ich das Gefühl, dass Johannknecht seiner Deadline hinterher lief und sich kurz fassen musste. Das war sehr schade. Besonders, weil das Buch sonst so entspannt und flüssig zu lesen ist.

Ihr geht gerne auf Reisen, habt aber nicht die Zeit, das Geld, die Muße oder vielleicht den Mut, euch auf so ein Abenteuer einzulassen? Dann ist das Buch empfehlenswert. Ihr möchtet einfach nur wissen, was ihr einen über zwei Meter Mann nicht fragen solltet? Dann lest dieses Buch. Ihr hättet gerne eine kurzweilige Lektüre für Balkonien? Dann ist dieses Buch das Richtige. Mich hat es inspiriert und auf neue Ideen gebracht.

Titelbild: pixabay/stocksnap

Torsten Johannknecht: Die Welt von oben

Verlag: Goldmann Verlag
Erschienen: Mai 2018
Genre: Sachbuch/Reiseliteratur
Seitenzahl: 272
ISBN: 978-3-442-15949-9
Bindung: Paperback mit Klappbrochur
Preis: 12,00 €