Meine Schwester Frida

Meine Schwester Frida

Bild: Fischer Verlag

“Mein Vater ging mit uns in den Chapultepec-Park, wo Frida auf dem See ruderte. Sie lernte sogar Ringen und Boxen, und einmal, als Verwandte zu Besuch waren, verdrosch sie einen unserer Cousins dermaßen, dass er mit blutiger Nase heulend ins Haus lief.

Doktor Costa fand das Ringen für Frida nicht sonderlich passend.

“Himmel und Hölle!”, kicherte Frida, nachdem der Arzt das als geeigneteres Bewegungsspiel für ein junges Mädchen vorgeschlagen hatte.

“Himmel und Hölle!”, echote mein Vater.

Er zwickte Frida in den Ellbogen. “Was fürrr ein unmodernen Mann”, flüsterte er. “Errr mit seinem Himmel und Hölle.”

  • Bárbara Mujica – Meine Schwester Frida
Advertisements

Irre!

Irre

Bild: Goldmann Verlag

“Die Tyrannei der Normalität lebt von der großen Illusion der ewigen Weiterexistenz des Normalen und der Flüchtigkeit des Außergewöhnlichen. Dabei wird es wohl eher umgekehrt sein. Denn das Normale ereignet sich nicht, es ist nur der Hintergrund für das Eigentliche. Im Grunde existiert das Normale nicht, denn es hat keine Substanz. Die Frage nach der Ewigkeit stellt sich erst angesichts der Unwiederholbarkeit eines Menschen, und wer da genauer hinsieht, kann die Außergewöhnlichkeit eines jeden Menschen gewahren. Dann kommen in hellen Momenten sogar hinter dem Schleier der wohlanständigen Normalität all der Normopathen die längst vergessenen lebendigen Farben zum Vorschein, und an diese einmaligen Färbungen erinnert man sich, wenn man sich Menschen erinnert.”

  • Manfred Lütz – Irre! Wir behandeln die Falschen, Unser Problem sind die Normalen – Eine heitere Seelenkunde

Alles, was wir geben mussten

Alles, was wir geben mussten

Bild: Heyne<

“Ein Pkw war eine Seltenheit, und manchmal reichte schon der Anblick eines Autos in der Ferne, um uns während des Unterrichts in Aufruhr zu versetzen. Der Nachmittag, an dem auf der Straße zwischen den Wiesen Madames Wagen gesichtet wurde, war windig und sonnig, und am Himmel ballten sich schon ein paar Wolken zusammen. Wir saßen in Zimmer 9, im ersten Stock an der Vorderseite des Hauses, und als die Nachricht sich flüsternd verbreitete, konnte der arme Mr. Frank, der sich um unsere Rechtschreibung bemühte, nicht begreifen, warum wir auf einmal so unruhig wurden.”

  • Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Nachts ist es leise in Teheran

Nachts ist es leise in Teheran

Bild: KiWi Verlag

Wahres Gesicht, denke ich, so eine schöne Redewendung in einer sonst so uninteressanten Sprache. Ich dachte immer, nur die persische Sprache wäre auf diese Metapher angewiesen. Ulla fährt fort, Der Mann hat die Frau und das Kind dabehalten wollen, die Frau hätte er gehen lassen, aber das Kind wollte er bei sich behalten, und der Mann hat die Frau geschlagen und erpresst und eingesperrt. Ich schaue Ulla an. Sie erzählt mir eine tragische Trennungsgeschichte, an einem Tag, der sonnig ist, sonnig und kalt, ein Frühlingstag, an dem wir mit Schals und Jacken draußen sitzen. Ich muss an die Nachbarin meiner Mutter denken, deren Mann sie ständig geschlagen, erpresst und eingesperrt hat, an die Schwester meines Schwagers, deren Mann sie ständig geschlagen, erpresst und eingesperrt hat. Denke daran, dass beide glückliche Ehen führen, erfolgreiche Kinder haben, ihre Männer lieben und respektieren und gastfreundliche Nachbarn sind.”

  • Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Oscar Wao (2)

The Brief Wondrous Life of Oscar Wao

Bild: faber and faber

“When any family members came looking for him his abuela chased them off with a single imperial sweep of her hand. Can’t you see the muchacho’s working? What’s he doing? his cousin asked, confused. He’s being a genius is what, La Inca replied haughtily. Now váyanse. (Later when he thought about it he realized that these very cousins could probably could have gotten him laid if only he’d bothered to hang out with them. But you can’t regret the life you didn’t lead.)

  • Junot Díaz – The Brief Wondrous Life of Oscar Wao

Blutige Steine

Blutige Steine

Bild: Diogenes Verlag

“Er sehe keinen anderen Ausweg als den, sein Priesteramt niederzulegen, da andernfalls, wenn er es seiner Überzeugung gemäß weiterführe, ständige Konflikte mit den Vorgesetzten unvermeidlich seien. Abschließend fügte er, in höchst respektvoller Weise hinzu, dass er im übrigen die Gesellschaft von Menschen, die zu Steinen beteten, jenen vorzöge, die sie anstelle eines Herzens in der Brust trügen.”

  • Donna Leon: Blutige Steine – Commissario Brunettis vierzehnter Fall

The Brief Wondrous Life of Oscar Wao

The Brief Wondrous Life of Oscar Wao

Bild: faber and faber

“The last time she tried to whale on me it was because of my hair, but instead of cringing or running I punched her hand. It was a reflex more than anything, but once it happened I knew I couldn’t take it back, not ever, and so I just kept my fist clenched, waiting for whatever came next, for her to attack me with her teeth like she did to this one lady in the Pathmark. But she just stood there shaking, in her stupid wig and her stupid bata, with two huge foam protheses in her bra, the smell of burning wig all around us. I almost felt sorry for her.”

  • Junot Díaz – The Brief Wondrous Life of Oscar Wao