Die Filmreise-Challenge #1: Mahana

Die Filmreise-Challenge #1 – Weltreise (Pauschalreise): Schaue einen Film aus Australien oder Neuseeland.

Weil ich mich zwischen diesem Film und “Spuren” aus Australien nicht entscheiden konnte, habe ich “Mahana – Eine Maori-Saga” einfach auch noch angeschaut. Overachiver? Eher nicht. Einfach nur neugierig.

Mahana Poster

Bilder: Prokino Filmverleih

Die Ostküste Neuseelands in den 1960er Jahren: Die Mahanas sind eine renommierte Schafscherer-Famile. Oberhaupt Tamihana Mahana regiert seine Familie mit strenger Hand. Sein Wort ist Gesetz. Da ist Konflikt vorprogrammiert. Und so kommt es zum Familienstreit, weil sich sein Enkel Simeon nicht mehr von ihm herumkommandieren lässt. Die Fede breitet sich aus. Es kommen Dinge an die Oberfläche, die viel zu lange verborgen waren.

Eins vorweg: Ich habe mir unter dem Film etwas ganz anderes vorgestellt. Ein Film über den Konflikt zwischen einer Maori Familie und den anderen Einwohnern einer Stadt war meine Vorstellung. Aber diesen Zwiespalt behandelt das Drama nur ganz am Rande. “Mahana” ist eine Familiengeschichte. Das Wort Saga finde ich übertrieben. Doch um Dinge zu vermarkten, muss man meistens ein wenig dick auftragen. Am Anfang plätschert der Film vor sich hin. Der Zuschauer kann die Landschaft genießen und sich langsam in die Geschichte einfinden. Dann nimmt er Fahrt auf und am Ende prasseln die Neuigkeiten nur so auf das Publikum ein. Vor lauter explodierender Emotionen kommt der Schluss des Films sehr plötzlich. Keine langsam ansteigende Spannungskurve mit Klimax, sondern eher eine falsche Abzweigung auf die Autobahn in den Gegenverkehr und dann mit Vollgas bis zur nächsten Ausfahrt, wo der Zuschauer erstmal verschnaufen muss. Doch dann ist die Geschichte auch schon vorbei.

Für die Verfilmung der gleichnamigen Buchvorlage von Witi Ihimaera hat Regisseur Lee Tamahori eine beachtenswerte Besetzung zur Verfügung; allen voran die beiden Dickköpfe Temuera Morrison als Patriarch Tamihana Mahana und Akuhata Keefe als unbestechlicher Enkel Simeon Mahana. Die beiden sind es, die das Drama auf ihren Schultern tragen. Beeindruckend ist ebenfalls die Darbietung von Nancy Brunning als Großmutter Ramona Mahana, wie sie ruhig in mitten eines Schwarms Bienen steht und diese bittet, ihr den Honig zu schenken. Ein berührendes und zugleich kraftvolles Ritual. Ebenfalls eindrucksvoll ist eine Szene gegen Ende, wenn Mitglieder der Poata – ein rivalisierender Clan – eine Zeremonie der Mahana-Familie stören, indem sie einen Haka tanzen. Bei diesem Kriegstanz ist Gänsehaut vorprogarmmiert, nur auf eine ganz andere Art und Weise als bei der friedlichen Bienenbeschwörung.

“Mahana” ist ein schöner Film über Gerechtigkeit, Treue, Freundschaft, Loyalität, aber vor allem Liebe und die Bedeutung von Familie. Wer Lust hat auf einen ruhigen Abend vor dem Fernseher hat, ist hier genau richtig. Am Ende bekommt jeder, was er verdient. Wohlfühlkino at its best!

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Die Filmreise-Challenge #1: Spuren

Die Filmreise-Challenge #1 – Weltreise (Pauschalreise): Schaue einen Film aus Australien oder Neuseeland.

Ich habe mich für den australischen Film “Spuren” entschieden.

Spuren Poster

Bilder: Ascot Elite Filmverleih

Der Film fängt schon einmal gut an. Der Bildschirm ist schwarz. Nur folgender Text ist zu sehen: “Hinweis für Zuschauer, die Aborigines oder Torres-Strait-Insulaner sind: Bitte beachten Sie, dass dieser Film möglicherweise Bilder oder Stimmen von Verstorbenen enthält.” Diese Warnung finde ich sehr gut. Besonders, wenn man das schwierige Verhältnis zwischen den Australiern und den Aborigines bedenkt. Es hat mich auf jeden Fall positiv gestimmt und noch neugieriger auf den Film gemacht.

In “Spuren” (OT: “Tracks”) geht es um Robyn Davidson, die sich in den Kopf gesetzt hat ohne menschliche Begleitung von Alice Springs durch die australische Wüste bis zum Indischen Ozean zu laufen. An ihrer Seite sind ihr Hund Diggity und vier Kamele. Ab und zu trifft sie auf ihrer Reise Rick, einen Fotografen von National Geographic, denn das Magazin sponsert die Durchquerung.

Das Publikum erlebt mit, wie Robyn durch die Wüste wandert. Es spürt die Höhen und Tiefen, die Verzweiflung, aber auch die schönen Momente, die so eine Reise mit sich bringen. Die Bilder sind fantastisch. Die lehmig, braune, trockene Erde, der rote Sand, die Unmenge an Sternen: Die Naturaufnahmen sind wunderschön. Schon alleine das Zuschauen macht Lust auf Camping im Freien. Der Film beschönigt aber auch nichts. Wobei ich mich zwischendrin gefragt habe, was Robyn auf ihrer Reise isst und wo sie es herbekommt. Kauft sie immer alles in den kleinen Dörfern, durch die sie läuft? Genau dasselbe habe ich mich in Bezug auf die Körperhygiene gefragt. Wo hat sie sich gewaschen? Im Film werden immer nur einzelne Tage gezeigt. Läuft sie einfach stinkig durch die Gegend, weil sie eh alleine ist? Oder bin ich vielleicht einfach zu pingelig? Keine Ahnung.

“Spuren” ist die Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Robyn Davidson. Nachdem sie die 3200 Kilometer lange Reise vollendet hat – das ist kein Spoiler; jeder kann sich denken, dass sie die Reise durchhält – schreibt sie für National Geographic den Artikel zu Smolans Bildern. Dieser Bericht ist so erfolgreich, dass sie ihre Erfahrung in diesem Buch festhält. Warum Robyn 1975 die Reise angetreten ist, kann das Publikum nur vermuten. Hinweise geben die Rückblenden in ihre Vergangenheit. Aber im Film sagt eine Freundin vor ihrem Aufbruch auch, dass sie es besser weiß, als zu fragen, warum Robyn es tut, weil sie ja eh keine Antwort bekäme. So bleibt der Grund ihrer Reise ein Rätsel.

Mia Wasikowska spielt eine sture, verletzte, eigenwillige Robyn Davidson. Wasikowska ist sich nicht zu schade, nackt durch die Wüste zu laufen. Es ist doch niemand da, der sie sehen kann (den Zuschauer gibt es ja nicht). Davidson ist anders, unabhängig, und das verkörpert Wasikowska mit Haut und Haar. Auf der anderen Seite steht Adam Driver als einfühlsamer Fotograf Rick Smolan. Rick scheint Robyn zu verstehen und ihr den Raum zu geben, den sie für sich in Anspruch nimmt. Die Beziehung der beiden hätte der Film mehr ausschlachten können, aber genauso minimalistisch, wie es jetzt ist, hat es mir gut gefallen. Wenig Drama trotz Gefühlen. Stellenweise hätte der Film auch Potential für mehr Spannung gehabt, aber es geht ja um die Reise und die atemberaubenden Bilder, da sind spannungsaufladende Elemente gar nicht nötig.

Für Naturliebhaber und Abenteurer ist “Spuren” genau der richtige Film. Aber auch allen, die keine Lust auf Hollywood Schnick-Schnack und zahllose Spezialeffekte haben und generell und überhaupt kann ich den Film nur empfehlen.

Film: Galloping Mind

Galloping Mind Poster

Bild: Savage Film

“Galloping Mind” habe ich vorletztes Jahr im Zuge eines Filmfestivals in Köln gesehen. Ich saß mit einem Freund zusammen in einem Tanzstudio, das der Besitzer zu einem Kinosaal umfunktioniert hat. Die Leinwand war weit weg und die Stühle unheimlich unbequem. Doch das alles war vergessen, als das eh schon schummrige Licht ausging und der Film anfing. Von der ersten Minute haben die Bilder mich in ihren Bann gezogen.

In dem Drama geht es um Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen. Durch einen Zwischenfall kurz nach der Geburt wachsen die beiden Kinder getrennt voneinander auf und wissen auch nicht, dass der beziehungsweise die Andere existiert. Sie leben zwei vollkommen unterschiedliche Leben. Durch Zufall treffen sie sich eines Tages und fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Doch die Geschichte dreht sich nicht nur um die beiden Kindern, sondern auch um ihre Eltern und Freunde. “Galloping Minds” erzählt über Schicksal und Zufall, Verlust und Angst, Anziehung und Zusammenhalt. Ein faszinierender Film über ein Geschwisterpaar in einer vermeintlich perfekten Welt. Was auch immer perfekt für den Einzelnen bedeutet.

Der belgische Regisseur Wim Vandekeybus hat mit “Galloping Mind” ein vielschichtiges Drama geschaffen. Der Film ist mit englischen Untertiteln ausgestattet, weil er zwischen französisch, englisch und auch ungarisch wechselt. Das erzeugt aber weder Chaos noch Unverständnis, sondern verleiht den Charakteren und ihrer Darstellung nur noch mehr Authentizität. Die Kommunikation liegt eh weniger in der gesprochenen als in der Körpersprache. Lachen, Blicke und Gesten sagen so viel mehr als auch nur ein Laut. Das ist aber nur möglich, weil alle Schauspielerinnen und Schauspieler verstehen, was sie tun. Dabei ist die Leistung der Kinder noch beeindruckender als die der Erwachsenen. Der Zuschauer wird Teil des Films, ein Teil der Gang oder der Familie. Nichts kann ihn aufhalten, über den Strand zu reiten, von einer Brücke zu springen, unter freiem Himmel zu schlafen. Doch zwischen dieses Gefühl der Freiheit mischt sich etwas beklemmendes, eine Angst, die einen nicht loslässt und gebannt in seinem Sitz verharren lässt.

Das Licht im Film spielt ebenfalls eine große Rolle. Zwischen harten Linien in der Nacht und im Haus und weichen, sonnendurchfluteten Aufnahmen am Strand und im Lager der Gang spiegelt die Beleuchtung die Stimmung der Charaktere und ihrer Beziehung zueinander. Genauso ist es mit der musikalischen Untermalung. Harte Klänge in der Nacht, weiche Klänge, wenn die Geschwister zusammen sind. Beides trägt noch mehr zu der mystischen Seite des Dramas bei und lässt einen noch tiefer in diese bizarre Filmwelt abtauchen.

“Galloping Mind” ist definitiv kein Film für das Mainstream-Publikum. Er ist ein Wagnis. Aber wer es schafft, das Gesehene einfach auf sich wirken zu lassen, wird in eine andere Welt entführt, die es mehr als wert ist, entdeckt zu werden.

 

Istanbul

Istanbul

Bild: S. Fischer Verlage

“Wann immer ich von der Schönheit und Poesie Istanbuls, des Bosporus, den dunklen Straßen schwärme, warnt mich eine innere Stimme davor, es den Autoren vor mir gleichzutun und den Glanz der Stadt zu überzeichnen, um mir damit über die Unzulänglichkeiten meines eigenen Lebens hinwegzuhelfen. Kommt die Stadt uns schön und verzaubert vor, so sollte doch auch unser Leben so sein. Wenn diese Autoren sich am Reiz der Stadt berauschen, ergötze ich mich zwar an ihren Geschichten und ihrer blumigen Sprache, doch kommt mir unwillkürlich in den Sinn, daß diese Leute eben nicht mehr in den von ihnen beschriebenen Gegenden lebten, sondern der Bequemlichkeit des modernen Istanbul den Vorzug gaben.”

  • Orhan Pamuk in Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt

Trotzki

Meine Schwester Frida

Bild: Fischer Verlag

“Es war keineswegs ungefährlich, Trotzki Unterschlupf zu gewähren, aber das war ein zusätzlicher Anreiz für Diego. Diego liebte Aufregungen! Er liebte das Risiko! Mein armer Vater war völlig verwirrt und wusste nicht einmal, wer Trotzki überhaupt war: “Ich hoffe, dieser arme Mann hat nichts mit Politik zu tun! Heutzutage ist es gefährlich, sich in die Politik zu mischen!”, sagte er in einem fort.

Was soll ich Ihnen von León Trotzki berichten? Er hatte unglaublich blaue Augen – Augen wie weite, unergründliche Seen oder wie Felder voller Hyazinthen. Man konnte sich in diesen Augen verlieren, in ihrem Blau untergehen. Sie schluckten einen regelrecht und ließen alles andere vergessen. Er trug eine Brille mit einem Gestell aus Schildpatt, wie ein Ufer oder ein Wiesenrad, an dem alles braun und golden wird. Diese Brille, also, manche können ja keine Brille tragen, aber Leóns Brille zog die Blicke an und verlockte einen, in diese geheimnisvollen Augen zu sehen. Trotzki strahlte eine ungeheure Intensität aus. Wenn er ging, marschierte er wie ein Soldat im Gleichschritt mit vorgestrecktem Kinn. Kopf hoch, Kinn vor. Manchmal, wenn man gar nicht damit rechnete, dass er einen gesehen hatte, drehte er sich plötzlich um und winkte, sodass sein weißer Kinnbart und die Schnurrbartspitzen zitterten. Er war in jeder Hinsicht fanatisch.”

  • Aus Meine Schwester Frida von Bárbara Mujica

DVD: Sergeant Rex

Sergeant Rex Poster

Bilder: Ascot Elite Home Entertainment

Letztes Jahr im Sommer hat mir meine Freundin den Trailer zu diesem Film geschickt. Sie wollte wissen, ob ich mit ihr ins Kino gehe, wenn er bei uns raus kommt. Eine lange Wartezeit, denn “Megan Leavey” – so der Titel im Original – hat es in Deutschland nie auf die große Leinwand geschafft. Nun erscheint er bei uns auf DVD und ich konnte ihn doch noch mit meiner Freundin schauen.

Warum “Sergeant Rex – Nicht ohne meinen Hund” nicht bei uns in den Kinos lief? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil die Geschichte das deutsche Publikum abgeschreckt hätte. US-Militär, Marines, Auslandseinsatz im Irak, Bomben und Minen suchen, ist alles harter Stoff, der anscheinend eher für patriotische Amerikaner gemacht ist. Da ist es egal, dass der Film auf einer wahren Geschichte beruht.

Die titelgebende Megan Leavey kommt aus einer zerrütteten Familie. Mit ihrer Mutter versteht sie sich nicht, ihre Arbeit kotzt sie an und zu allem Überfluss ist vor einem Jahr ihr bester Freund, ihr Anker gestorben. Sie hat das Leben in der Einöde satt. Sie möchte raus. Kurzentschlossen meldet sie sich zum Militärdienst und kämpft sich dort bis zur Hundestaffel hoch. Ihr Partner ist Schäferhund Rex. Die beiden bilden bald ein eingespieltes Team. Früh, vielleicht zu früh, steht ihr erster Einsatz im Irak bevor. Nun wird es ernst. Das, wofür sie so intensiv trainiert haben, wird Realität und zerrt ganz schön an den Nerven. Leavey lernt dabei, was Vertrauen und Liebe sind und auch Rex scheint sich in Leaveys Nähe sichtlich wohl zu fühlen. Diese Verbindung findet ein jähes Ende, als die Tierärztin beschließt, dass Rex zu gefährlich ist, um außerhalb des Militärdienstes zu leben. Sie will ihn einschläfern. Von da an kämpft Leavey mit allen Mitteln, ihren Partner zu sich holen zu können, um ihm einen guten, würdigen Lebensabend zu bieten.

Meine Beschreibung des Films ist ein wenig irreführend. Die aktive Zeit der beiden nimmt mehr Erzählzeit in Anspruch, als Megans Kampf, Rex zu sich zu holen. Doch ist beides gleichermaßen wichtig, spannend und auch ergreifend. Kate Mara liefert eine überzeugende Performance ab. Dass sie sich selber als Tierliebhaberin bezeichnet, hat bestimmt geholfen, sich in die Rolle einzufinden und eine Verbindung zu ihrem Hund aufzubauen. Um die Soldatin authentisch zu porträtieren war es wohl auch nützlich, dass Megan Leavey und Kate Mara sich kennengelernt haben und Leavey öfter am Filmset war.

“Sergeant Rex” ist kein reiner Kriegsfilm, obwohl er die meiste Zeit über beim Militär spielt. Er zeigt so viel mehr als das. Dabei ist er sehr realistisch. Vor allem, weil er nicht mit Spezialeffekten überladen ist. Hier geht es um die Geschichte, nicht um die Action. Spannend ist der Film trotzdem. Gerade die kleinen, feinen, leisen Nuancen machen die Geschichte aus. Tiere urteilen nicht über Menschen. Sie nehmen sie so, wie sie sind. Sie merken, ob es jemand gut mit ihnen meint oder nicht. So wie Rex Leavey mit ihren Depressionen hilft, verurteilt Leavey Rex nicht, weil er genau so unter PTSD (Post Traumatic Stress Syndrome) leidet, wie viele Soldaten. Genau so wie er ihr Zeit gelassen hat, nimmt sie sich Zeit für ihn.

Wer Tiere liebt und nah am Wasser gebaut ist, wird in diesem Drama die ein oder andere Träne verdrücken. “Sergeant Rex” ist ein Film über Zusammenhalt, Mut und neue Chancen. Außerdem wirft er wie so oft wieder die Frage in den Raum, ob Tiere nicht doch die besseren Menschen sind.

Ab 12. Januar auf DVD erhältlich.

Kino: Wonder Wheel

 

Wonder Wheel Poster

Bild: Warner Bros. GmbH

Spätestens alle zwei Jahre schmeißt Woody Allen einen neuen Film auf die Leinwand. So fühlt es sich zumindest an. Und daher heißt der neue Streifen aus seiner Feder “Wonder Wheel” benannt nach dem Riesenrad auf Coney Island, dem Vergnügungspark in New Jersey. Genau dort spielt das Drama. Humpty, Ginny und ihr Sohn aus erster Ehe Richie teilen sich ein kleines heruntergekommenes Apartment über der Schießbude des Freizeitparks. Ginny fristet ihr Dasein als Kellnerin im ansässigen Lobsterrestaurant, Humpty betreut das Karussell und der vor-pubertierende Richie zündet liebend gerne Mülleimer an. Diese Idylle wird jäh unterbrochen, als Humptys Tochter Carolina auftaucht und bei ihm Schutz sucht. Sie ist vor ihrem Ehemann, dem Mafia-Gangster, geflohen. Er möchte sie gerne tot sehen, weil sie mehr mitbekommen hat, als ihm lieb ist. Diese illustre Geschichte um Liebe, Enttäuschung, Verzweiflung und verletzter Gefühle erzählt der Rettungsschwimmer Mickey, der eigentlich Dichter und Schriftsteller ist. Bisher hat ihn nur noch niemand entdeckt.

“Wonder Wheel” fühlt sich an, wie ein recycelter Film. Die Geschichte mit Mafia und Betrug erinnert sehr an Café Society. Nur das wir uns diesmal in den 50er Jahren befinden, ungefähr zehn Jahre später. Ginnys Charakter, gespielt von Kate Winslet, ähnelt sehr der Hauptfigur aus Blue Jasmine. Sie meint, sie hat so viel mehr Potential und viel mehr verdient, als ihr alle zukommen lassen. Immer haben die anderen die Schuld. Juno Temple als naive, geläuterte Tochter Carolina hat es mir angetan. Sie ist ein guter Gegenpol zur hoffnungslosen Ginny. Aber sie erinnert stark an das dumme Blondchen (obwohl sie das nicht wirklich ist). Die Erzählweise hat mir gut gefallen. Justin Timberlake als Mickey, Protagonist, Berichterstatter und weissagendes Orakel in einem, ist stellenweise so lakonisch abgeklärt, dass es gut zum Stil des Films passt. Es ist aber nichts neues. Die Stimme aus dem Off benutzt Allen bei weitem nicht zum ersten Mal.

Es ist noch nicht mal, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler schlecht spielen. Die Geschichte ist nur einfach langweilig, schon zu oft gezeigt. Sie bringt nichts unvermitteltes, aufregendes, überraschendes. Schon am Anfang ist klar, was am Ende passieren wird. Was im Laufe des Films zunimmt, ist nicht die Spannung, sondern das Geschrei.

Was “Wonder Wheel” dezent sehenswert macht, sind die Kostüme, die Kulisse und besonders, die Beleuchtung beziehungsweise das Licht. Speziell die Szenen im durch die breite Fensterfront gekonnt ausgeleuchteten Wohnzimmer sind ein Traum. Da habe ich schon mal vergessen, dass der Film nur so vor sich hin plätschert. Bis dann doch eine neue Schlacht des ehelichen Bürgerkriegs losgeht, Ginny laut schluchzend in noch mehr Selbstmitleid zerfließt oder der eigentlich trockene Humpty (James Belushi) die Küche auf der Suche nach Alkohol auseinandernimmt.

Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass alle anfangen zu singen und das ganze zu einem Musical wird. Das hätte mir definitiv gut gefallen. In meinen Augen hätte das den Film besser gemacht, ein wenig aufgelockert und zur zynischen Stimmung beigetragen. So nach dem Motto: Gute Miene zum bösen Spiel. Die Voraussetzungen wären auf jeden Fall da gewesen. So ist es ein bedrückendes Drama, in dem alle unzufrieden sind. Ein typischer Woody Allen? Ich habe mich gefragt, ob der Titel “Wonder Wheel” aussagt, dass am Ende wieder alles so ist wie am Anfang, es also ein Kreislauf ist. Das würde zu dem Rad passen. Aber ein Wunder habe ich in diesem Drama nicht gefunden. Schade!

Ab 11. Januar im Kino.