Verstehen Sie die Béliers?

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Paula lebt mit ihrer taubstummen Familie auf einem Bauernhof in Frankreich. Sie liebt ihre Familie sehr, doch wird sie auch oft auf die Probe gestellt, weil ihre Eltern nicht ganz so verklemmt und konservativ sind, wie die Eltern ihrer Freunde. In der Schule läuft alles wie immer. Spanisch liegt ihr nicht, dafür macht ihr, ihr neu gewähltes Nebenfach Chor mehr Spaß als sie gedacht hat. Besonders, weil sie anfangs nur beigetreten ist, weil ihr Schwarm Gabriel dort mitsingt. Doch ihr Lehrer Monsieur Thomasson entdeckt, dass tief in Paula großartiges Potenzial und eine wunderbare Stimme schlummern. Er schlägt ihr vor, mit ihr zu üben und ihr Talent zu unterstützen. Sein Ziel ist es, dass sie an der Aufnahmeprüfung für eine der renommiertesten Gesangsschulen in Frankreich teilnimmt. Monsieur Thomasson ist überzeugt davon, dass Paula es schafft. Anfangs ist Paula Feuer und Flamme für diese Idee, besonders, weil Gabriel ebenfalls vorhat, an der Prüfung teilzunehmen. Doch gerät sie zunehmend in den Konflikt zwischen dem, was sie möchte und dem, was für ihre Familie gut ist. Besonders jetzt, wo ihr Vater Rodolphe sich in den Kopf gesetzt hat, in ihrem Dorf für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren und den oberflächlichen “Idioten” abzulösen, der es im Moment inne hat. So ist sie sich nicht mehr sicher, ob die Schule in Paris wirklich das ist, was sie sich wünscht.

Verstehen Sie die Béliers? ist eine charmante französische Komödie. Die Charaktere sind ehrlich und authentisch. Es macht Spaß dieser Familie zuzuschauen, wie liebevoll sie miteinander umgehen und wie dramatisch sie sich streiten können. Obwohl Vater Rodolphe, Mama Gigi und Bruder Quentin nur geringfügig verbal kommunizieren können, ist der Film trotzdem leicht verständlich. Entweder das Gesagte wird als Untertitel angezeigt oder man kann die Frage aus Paulas Antwort ableiten. Durch Gebärdensprache, sonstige Gestik und Gesichtsausdrücke werden bestimmte Situationen noch mehr hervorgehoben. Die Situationskomik in diesem Film ist super. Doch auch Paulas ungezwungenes, unverfälschtes Benehmen ist nicht nur erfrischend anzuschauen, sondern erhöht auch den Spaßfaktor. Außerdem ist es schön, dass Paula kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern offen sagt, was sie denkt. Dass sie ihr Herz auf der Zunge trägt, merkt man, wenn sie singt, auch wenn das ein wenig Übung gebraucht hat. Ihr Gesang ist so wie sie. Ein wenig rauh, aber ehrlich und berührend. Louane Emera als Paula hat mir gut gefallen. Wie sie den Spagat zwischen dem Bauernhof ihrer Familie und ihrem restlichen Leben im Dorf und in der Familie meistert, ist schön anzuschauen und ich habe ihr ihren Zwiespalt mitgefühlt, obwohl sie das bestimmt hätte dramatischer darstellen können. Aber das war gar nicht nötig. Der Film hat ein schönes, warmes Gefühl in mir hinterlassen und ich habe schon lange nicht mehr so gelacht. Ein richtig toller Feel-Good-Movie!

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Still Alice

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Dr. Alice Howland ist Professorin für Sprachwissenschaften an der Columbia University in New York. Zwischen ihrem Job und ihrer Familie hat sie ein erfülltes Leben, das sie in vollen Zügen genießt. Doch bei einem Gastvortrag in Los Angeles fällt ihr auf einmal ein Wort ihres vertrauten Fachvokabulars nicht mehr ein. Wenig später geht sie wie so oft Joggen und findet sich auf einmal in ihrer gewohnten Umgebung nicht mehr zurecht. Sie ist besorgt und lässt sich untersuchen. Dabei kommt heraus, dass Alice eine besondere Form von Alzheimer hat, die das Gehirn schon früh beeinträchtigt und schnell voranschreitet.Außerdem ist sie vererbbar. So begleiten die Zuschauer in Still Alice eine kluge und intelligente Mutter und engagierte, berufstätige Ehefrau dabei, mit der Diagnose Alzheimer fertig zu werden und den Alltag mit der Krankheit zu meistern.

Still Alice – mein Leben ohne Gestern berührt tief. Eine Frau, die Mitten im Leben steht, eine gute Ehe auf Augenhöhe führt, einen Ehemann, der sie liebt und hinter ihr steht hat, drei wunderbare Kinder groß gezogen hat und in ihrem Job voll aufgeht und Bestätigung findet, wird aus dem Leben gerissen. Dabei drückt der Film nicht gewollt auf die Tränendrüse, sondern portätiert eine starke Frau, die damit kämpft, sich mit ihrer Erkrankung zu arrangieren, sich mit ihr vertraut zu machen, um sich somit von ihr nicht unterkriegen zu lassen – ein würdiges Leben mit einer unwürdigen Krankheit. So versucht sie jeden Tag aufs neue ihr Leben zu genießen und daran zu arbeiten, den Menschen, der sie ist, nicht zu verlieren. Der Film berührt auch durch seine Ehrlichkeit. Es wird nichts beschönigt, aber auch nichts schlechter gemacht, als es ist. So sagt Alice ganz offen, dass es gute und schlechte Tage gibt und das spiegelt der Film wider. Die großartigen schauspielerischen Leistungen aller Mitwirkenden tragen den Film und machen ihn zu dem einfühlsamen und liebevoll inszenierten Drama, das er ist. Allen voran Julianne Moore, die für die Rolle als Dr. Alice Howland den diesjährigen Academy-Award als beste Hauptdarstellerin gewonnen hat. Durch den innigen Umgang mit ihrer Rolle, kommen Angst, Unsicherheit, Verzweiflung und Wut genauso zum Tragen wie ihr Mut, ihre Freude und ihre Hoffnung, dass dieser Tag ein guter Tag sein kann. Aber auch Alec Baldwin als ihr Ehemann Dr. John Howland überzeugt als karrieregetriebener, nicht immer sympathischer Pragmatiker. Überrascht hat mich Kristen Stewart als eigenwillige Tochter Lydia, die Jüngste der drei Geschwister, die nach Los Angeles gezogen ist, um dort einer Karriere als Schauspielerin nachzugehen. Stewart beweist als feinfühlende Lydia ein Gespür für ihren Charakter und füllt mit kleinen Nuancen in ihrem Spiel ihre Rolle voll aus.

Still Alice ist ein ehrlicher, berührender Film mit guten Schauspielern, der einen daran erinnert, aus jedem Tag das Beste zu machen.

Into the Woods

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Mit Into the Woods hat Disney ein Musical verfilmt, das auf verschiedenen bekannten Kindermärchen basiert. Ein Bäcker und seine Frau werden von der Hexe, ihrer Nachbarin, in den Wald geschickt, um vier Dinge zu besorgen. Sie benötigen eine Kuh, so weiß wie Milch, einen roten Umhang, einen goldenen Schuh und Haare, so gelb wie Mais, damit die Hexe den Fluch, der auf ihrem Haus lastet aufheben kann und die Frau des Bäckers endlich schwanger wird. So ziehen also der Bäcker und seine Frau in den Wald, um das Geforderte zu besorgen. Gleichzeitig macht sich Rotkäppchen auf den Weg in den Wald, um ihre Großmutter zu besuchen und Jack treibt seine Kuh Milkywhite durch den Wald zum nächsten Dorf. In der ersten Nacht macht sich Aschenputtel in ihren goldenen Schuhen auf den Weg zum Ball des Prinzen und flieht um Mitternacht in den Wald, um dem Prinzen zu entkommen. In einem Turm mitten im Wald hält die Hexe Rapunzel mit ihren langen gelben Haaren gefangen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich alle begegnen. Im magischen Wald vermischen sich die Märchen miteinander und es entsteht eine völlig neue Geschichte. Allerdings stehen sie am Ende alle einem gemeinsamen Feind gegenüber.

Fangen wir mit dem schönsten an: Endlich deckt mal jemand die Wahrheit über diese Disney-Prinzen auf. So sagt Prinz Charming auf die Frage, warum er Aschenputtel betrogen hat: “I was raised to be charming, not sincere!” Wie wahr, wie wahr. Treffender hätte man es nicht sagen können. Prinz Charming ist also kein Traumprinz. Ein Mythos abgehakt. Auch sonst sind die beiden Prinzen in Into the Woods mein persönliches Highlight, weil sie einfach so wunderbar hohl und eingebildet dargestellt werden, dass es amüsanter nicht sein könnte. Ansonsten haben mir alle Charaktere im Film gut gefallen, wobei mir Emily Blunt als Frau des Bäckers am meisten überzeugt. Gefreut habe ich mich, als ich Jacks Stimme wiedererkannt habe, da Daniel Huttlestone schon bei Les Miserables mitgespielt hat und er dort schon eine gute Leistung erbracht hat, sowohl stimmlich, als auch schauspielerisch. Die Szenerie des Waldes habe ich als sehr angenehm empfunden. Sie passt tatsächlich mehr zu einer Kulisse, als zu einem Filmset, aber das ist sehr stimmig. Into the Woods ist kurzweilig und nette Unterhaltung für die ganze Familie. Eben typisch Disney. Am Ende bleibt die Erkenntis: “Be careful what you wish for!”

Watermark

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Der Kanadier Edward Burtynsky hat mit Watermark eine beeindruckende Dokumentation über den Einfluss von Wasser auf unser Leben und unsere Umwelt geschaffen. Der Untertitel “Wie wir das Wasser verändern und wie das Wasser uns verändert” bringt es auf den Punkt.

Der Fotograf und Künstler Edward Burtynsky hat seinen Film an zehn verschiedenen Schauplätzen gedreht, hinter denen sich die unterschiedlichsten Geschichten verbergen. Da ist zum einen ein großes Staudammprojekt in China oder ein ausgetrocknetes Flussbett in Mexiko. Zum anderen reist der Zuschauer nach Indien an den Ganges, um den Hindus zuzuschauen wie sie sich von ihren Sünden reinwaschen. Diese und andere spektakuläre Bilder werden begleitet von kurzen Interviews, die die Situation der Menschen beschreiben oder unterstreichen. So sitzt ein junger Mann auf dem obersten Plateau einer Reisanbauterasse und erzählt, dass er hier sitzt und darauf aufpasst, dass seine Nachbarn den Wasserzufluss seiner Familie nicht behindern. Zwischendurch finden sich aber auch Einspieler, die zeigen, wie die Bilder, die diesem Film entnommen sind, für einen Ausstellungskatalog bearbeitet und zusammengefügt werden. Alle Elemente zusammen, schaffen ein bemerkenswerten Kunstwerk, dass die Kraft und Wichtigkeit von Wasser in unserem Leben unterstreicht. Ein See, der austrocknet, weil der Mensch das Wasser abgepumpt hat und nun giftiger Sand in alle Winde verstreut wird oder die Aufnahmen aus einer Gerberei, in der Wasser zur Bearbeitung der Lederhäute gebraucht wird und so allerhand schädliche Stoffe in den Fluss gelangen, alle diese Aufnahmen wirken ohne einen erhobenen Zeigefinger. Die Bilder und Worte sprechen für sich.

Am Ende bleibe ich als Zuschauer still und nachdenklich sitzen. Der Film führt mir etwas vor Augen, worüber ich schon lange nicht mehr nachgedacht habe: Auch Wasser ist eine endliche Ressource, die respektvoll behandelt werden möchte. Die Schönheit und Eindringlichkeit der Bilder und Worte wirken und klingen noch lange nach. Watermark ist ein vielseitiges, sehenswertes Gesamtkunstwerk!

Das Mädchen Hirut (Difret)

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1996 im Hinterland Äthiopiens, ungefähr drei Stunden von Addis Abeba entfernt: Die vierzehnjährige Hirut auf dem Weg von der Schule nach Hause, als sie von einer Gruppe Reiter entführt und in einen Schuppen gesperrt wird. In der Nacht kommt einer der Männer zu ihr. Er schlägt und vergewaltigt sie und lässt sie danach bewusstlos liegen. Am nächsten Morgen kommt er wieder und bringt Hirut einen kleinen Becher Kaffee. Etwas erregt die Aufmerksamkeit des Mannes und er geht vor die Tür. Dabei lässt er sein Gewehr neben der offnen Schuppentür stehen. Hirut ergreift die Gunst der Stunde, schnappt sich das Gewehr und schleicht leise davon. In letzter Minute wird ihre Flucht entdeckt. Sie hetzt in den nahen Wald, die sechs Männer hinter ihr her. Schnell haben die Männer sie eingeholt. In ihrer Panik erschießt sie ihren Peiniger und rennt davon. Für ihre Tat wird Hirut verhaftet und soll mit dem Tod bezahlen. Als die junge Anwältin und Frauenrechtlerin Meaza Asenafi im Radio erfährt, was geschehen ist, macht sie sich auf den Weg ins Dorf, um Hirut zu helfen. Meaza arbeitet für Andinet, eine Organisation, die für die Rechte der Frauen eintritt. So entwickelt sich ein Kampf zwischen der Tradititon einer patriarchialischen, konservativen Gesellschaft und dem modernen geschriebenen Recht.

Difret, so der Titel des Originals, heißt in der Landessprache Amharic ‘Mut’ oder ‘sich etwas trauen’. So beweist Meaza Mut, sich mit den äthiopischen Behörden anzulegen. Sie traut sich mit Traditionen zu brechen, um Gerechtigkeit zu erlangen. Meron Getnet spielt eine engagierte, sture und zähe Meaza Asenafi. Sie scheint voll hinter dieser Rolle zu stehen und überzeugt daher von Grund auf. Doch ist Meron Getnet auch die einzige professionelle Schauspielerin im Ensemble. Besonders der zweiten Hauptdarstellerin Tizita Hagere als Hirut merkt man das deutlich an. Ihr Spiel ist nicht so überzeugend und durchdringend und verliert daher an Intensität. Doch ist die Botschaft des Films viel wichtiger, als die teilweise noch verbesserungswürdigen schauspielerischen Leistungen. Ein weiterer außerfilmischer Kritikpunkt ist, dass der Film auf einer wahren Geschichte beruht, doch hielten es Regisseur Zeresenay Berhane Mehari und sein Team anscheinend nicht für nötig Aberash Bekele, das Vorbild für Hirut, davon in Kenntnis zu setzen, dass sie diesen Film planen. Durch Zufall hat Bekele von den Dreharbeiten erfahren und war schockiert darüber. Sie sagte, sie fühle sich zum zweiten Mal vergewaltigt.

Trotzdem ist Das Mädchen Hirut ein gutes Beispiel dafür, dass Gleichheit zwischen Frauen und Männer noch lange nicht erreicht ist. Zum Weltfrauentag ist es ein ansehnliches Beispiel, dass der Weg noch weit ist, aber aufgeben einfach nicht in Frage kommt. Dass diese Ungerechtigkeiten nicht nur im fernen Äthiopien geschehen, sondern direkt vor jeder Haustür stattfinden, sollte jeder Frau und jedem Mann bewusst sein.