Kino: Minari

Es gibt Filme, in denen passiert nicht viel und doch erzählen sie eine ganze Menge. Ganz so wenig Geschehen war es bei “Minari” nicht, aber stellenweise habe ich mich daran erinnert gefühlt. Es geschieht dann doch mehr als in so manch einem Jim Jarmusch Film. Das Drama über die Familie Yi hat mich tief berührt. Höhen und Tiefen, Freud und Leid, Träume und Hoffnungen liegen so nah beieinander und scheinen oft doch so fern.

Was ist das denn für ein Haus? Es hat ja Räder! Der kleine David ist verwundert und begeistert gleichzeitig. Sowas hat er noch nie gesehen. Ab geht es in das neue kleine Zuhause und die Zimmer erkunden. Seine Eltern Jacob und Monica sind mit ihm und seiner großen Schwestern Anne nach Arkansas gezogen. Tagsüber arbeiten die Eltern bei einer Firma, in der sie die Geschlechter von Küken bestimmen. Wie bei Aschenputtel: die Guten ins Töpfchen, die schlechten, naja, eigentlich möchte ich nicht darüber nachdenken, was mit den männlichen Küken passiert. Jacob erklärt es seinem Sohn ganz vorsichtig, als dieser wissen möchte, warum schwarzer Rauch aus dem Schornstein steigt. Die Männer in der Familie sollen sich besonders anstrengen, damit sie nicht auch so enden. In seiner Freizeit baut sich Jacob eine kleine Farm auf. Schmackhaftes koreanisches Gemüse, liebevoll auf amerikanischem Boden angebaut. Monica ist nicht sehr begeistert davon. Sie fühlt sich einsam im ländlichen Hinterland Arkansas’. Sie wäre viel lieber in Kalifornien geblieben. Damit sie sich ganz auf die Arbeit konzentrieren können, zieht ihre Mutter zu ihnen in das kleine Haus auf Rädern. Besonders Kevin ist anfänglich schockiert von seiner Großmutter, die ihm die Hälfte seines Zimmers klaut. Sie ist so gar nicht wie eine Grandma. Dieses Exemplar flucht, schaut den ganzen Tag Fernsehen und ist in seinen Augen zu nichts nütze. Alle sind auf ihre Art unglücklich.

Der Untertitel “Wo wir Wurzeln schlagen” ist mir erst nach und nach klar geworden. Auch, dass die Gemüsebeete die Entwicklung der Familie widerspiegeln, ging mir erst beim Nachdenken auf dem Nachhauseweg auf. Hier ist auf der Metaebene mehr so finden, als ich anfangs gedacht habe.

Das Drama ist von einer Traurigkeit durchgezogen. Auch in den schönen oder lustigen Moment ist sie immer da. Sie hängt an der Familie wie ein Schleier. Ich schreibe hier bewusst an und nicht über der Familie, weil sie nach oben hin scheinbar noch Platz haben, sich zu entwickeln. Besonders Jacob, der sich voll und ganz auf seine kleine Farm konzentriert, hat zwar nie Zweifel an seinem Plan, weiß aber, dass er mit seiner Entscheidung nach Arkansas zu ziehen, seine Frau nicht glücklich gemacht hat. Monica steht allem sehr skeptisch gegenüber. Sie ist mit Jacob aus Korea in die USA gekommen, weil sie sich gegenseitig glücklich machen wollten. Nun hängt ihre Ehe am seidenen Faden. Das Spiel mit dem Glück ist allgegenwärtig. Dies ist so feinfühlig gespielt, dass es mich sehr traurig gemacht hat. Es ist evident, dass die beiden es zusammen schaffen möchten, aber ihre Träume harmonieren nicht mehr.

Was sie zusammenhält, sind die Kinder, besonders Kevin, der wegen einem angeborenen Herzfehler besondere Aufmerksamkeit geschenkt bekommt. Das ist ihm gar nicht lieb. Er möchte toben und rennen, darf es aber wegen seinem Herz nicht. So ist der ganze Film sehr ruhig und bedacht. Fast so, als wollten wir Kevin nicht erschrecken. Aber der ist zäh, viel zäher als seine Eltern glauben. Und irgendwie gilt das für die ganze Familie. Die Yis haben es mir angetan. Ich möchte sehr gerne wissen, wie es mit der Familiengeschichte weitergeht. Vielleicht schreibt Regisseur und Drehbuchautor Lee Isaac Chung ja einen zweiten Teil?

Rating: 4 out of 5.

Seit 15. Juli im Kino.

Titelbild: Copyright Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24

5 Filme in 3 Minuten: Dokus

Diesmal geht es in “5 Filme in 3 Minuten” über Dokumentarfilme, da mir in letzter Zeit der ein oder andere ins Auge gesprungen ist und mein Interesse geweckt wurde. Da ich alle mindestens interessant finde, möchte ich sie gerne mit euch teilen.

Copyright Netflix

There’s Something in the Water

Titel: There’s Something in the Water Originaltitel: There’s Something in the Water Originalsprache: Englisch Gesehen auf: Englisch Regie: Elliot Page, Ian Daniel SchauspielerInnen: Keine Verleih: Netflix Erschienen: März 2020 Genre: Dokumentarfilm Länge: 73 Minuten

Es ist so schwer vorzustellen, dass es Orte in der entwickelten Welt gibt, Dörfer, Kleinstädte, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Genau darauf legen Elliot Page und Ian Daniel das Hauptaugenmerk. Besonders Page, der dem Film seine Stimme im Voice-Over verleiht, ist mit den Interview Partnerinnen im Gespräch zu sehen. Ihm ist anzumerken, wie wichtig ihm der Zugang zu sauberem Wasser und die dadurch entstandene Diskriminierung von Minoritäten ist. Daniel agiert die meiste Zeit im Hintergrund und konzentriert sich auf die Arbeit mit der Kamera. Bei den Themen Rassismus und Diskriminierung habe ich nicht an den Zugang zu Trinkwasser gedacht. Ich wusste, dass die Chancen, die sich einem im Leben bieten auch vom Wohnort abhängig sein können. Aber ich habe den Gedankensprung zu Wasser (und wahrscheinlich auch Elektrizität) nicht gemacht. Warum Page und Daniel die Region um Halifax in Nova Scotia, Kanada ins Auge gefasst haben, liegt zum einen daran, dass Page dort aufgewachsen ist und zum anderen, weil sie zeigen wollten, dass hinter dem vermeintlichen Bilderbuch-Kanada-Idyll ein handfester Skandal und viel Ungerechtigkeit steckt. Indigene Bevölkerungsgruppen kämpfen gegen große Firmen und Kooperationen gegen die Verschmutzung ihrer für sie heiligen Gewässer und für den Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ist diese Dokumentation teils einseitig? Ja. Aber sie muss nicht alle Seiten beleuchten, damit zu sehen ist, dass dort etwas furchtbar ungerechtes geschieht.

Rating: 4 out of 5.

Copyright Sea Shepherd

Seaspiracy

Titel: Seaspiracy Originaltitel: Seaspiracy Originalsprache: Englisch Gesehen auf: Englisch Regie: Ali Tabrizi SchauspielerInnen: Keine Verleih: Netflix Erschienen: März 2021 Genre: Dokumentarfilm Länge: 89 Minuten

Der Film hat mich sehr schnell sehr neugierig gemacht. Doch noch bevor ich ihn mir anschauen konnte, habe ich einen Artikel von Meeresbiologe Daniel Pauly gelesen (What Netflix’ Seaspiracy gets wrong), der große Probleme mit dem Dokumentarfilm anspricht. Während ich den Film geschaut habe, sind mir daher ein paar Dinge aufgefallen, die Pauly in seinem Artikel anspricht. Vor allen Dingen, dass die Asiaten alle als schlecht und böse porträtiert werden. Außerdem fand ich es auch seltsam, dass Regisseur Tabrizi die Auswirkungen von Plastik im Meer herunterspielt und den Klimawandel und die Ozeanerwärmung überhaupt nicht anspricht. Nun habe ich die Doku ja nicht unvoreingenommen geschaut, aber während des Guckens ist mir schon klar geworden, dass sie tatsächlich recht einseitig ist und auch auf Sensationslust setzt. Deswegen habe ich mir auf YouTube ein paar weitere Videos von Meeresbiolog:innen zu Seaspiracy angeschaut, unter anderem Telly’s Marine Tales, Marine Research Expeditions – Project Manaia und Marine’s Sciene Café. Inwieweit diese unabhängig, glaubhaft und unvoreingenommen sind, sei dahin gestellt, aber es hat mir andere Perspektiven zum Thema aufgezeigt. Ich finde, dass Seaspiracy eine sehr gut gemachte Doku ist, die ein sehr wichtiges Thema anspricht. Ich finde aber auch, dass die Rettung der Meere nicht allein von dem Verzicht auf Fisch abhängt.

Rating: 3.5 out of 5.

© BROADVIEW TV GmbH

Schwarze Adler

Titel: Schwarze Adler Originaltitel: Schwarze Adler Originalsprache: Deutsch Gesehen auf: Deutsch Regie: Torsten Körner SchauspielerInnen: Keine Verleih: Broadview TV GmbH Erschienen: April 2021 Genre: Dokumentarfilm Länge: 106 Minuten

Dass Rassismus im Fußball eine Rolle spielt, ist nicht von der Hand zu weisen. Auch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass diese Rolle sehr lange nicht ernst genommen wurde, sei es von Verantwortlichen oder Fans. Wie gerne wollen die meisten, dass die Hautfarbe generell, aber besonders auf dem Fußballplatz keine Rolle spielt. Aber die Realität sieht anders aus. Die Doku von Torsten Körner lässt Bilder und Worte sprechen. Und das macht sie gut. Die leisen Bilder und das Schweigen der Betroffenen an den richtigen Stellen sagen viel mehr aus, als die gestammelten Erklärungsversuche. Warum müssen Opfer für die Täter:innen nach Entschuldigungen oder Rechtfertigungen suchen? Ich hatte an mehreren Stellen Tränen in den Augen. Einmal Tränen der Trauer, aber viel öfter heiße Tränen der Wut. Wie kann ein Reporter eine “weiße” Mutter fragen, warum sie ihr “schwarzes” Kind nicht zur Adoption frei gibt? Das beudeutet doch, dass sie viel lukrativer auf dem Heiratsmarkt sei. Boah, war ich sauer. Oder wenn zu sehen ist, dass die Fans des FC Schalke lautstark hinter Gerald Asamoah stehen. Wenige Jahr später aber greifen die Schalke Fans den Herthaner Jordan Torunarigha an. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Nun frage ich mich, welche Konsequenzen die Fußballverantwortlichen, die Vereine, der Bund und auch die Fans aus dieser Doku ziehen. Gibt es eine Reaktion? Änderungen? Oder war es nur ein Aufschrei der in der Weite verhallt?

Rating: 4 out of 5.

Copyright Dan Budnick

I am not your Negro

Titel: I am not your Negro Originaltitel: I am not your Negro Originalsprache: Englisch Gesehen auf: Englisch Regie: Raoul Peck Stimme: Samuel L. Jackson Verleih: Netflix Erschienen: März 2017 Genre: Dokumentarfilm Länge: 93 Minuten

Wenn ich ganz ehrlich bin, sind mir Passagen dieser Doku über den Kopf gewachsen. Bei nicht allem, was James Baldwin sagt, konnte ich sofort zustimmen. Stellenweise, weil er – ob Baldwin oder der Film sei dahingestellt – mir nicht genug Zeit gelassen hat, seine Worte zu reflektieren. Ich werde mir den Film auf jeden Fall noch einmal anschauen. Dann noch aufmerksamer und gegebenfalls zurückspulen und noch einmal genau anhören, was er gesagt hat. (Im Augenblick ist er leider nicht mehr umsonst auf den mir zur Verfügung stehenden Plattformen abrufbar.) Die Stimme von Samuel L. Jackson spricht nüchtern und sehr sachlich über die historischen Ereignisse. Er ist fast schon emotionslos. Dabei sprechen die gezeigten Bilder Bände. Es wird keine Dramatik mit überschwänglicher Musik aufgebaut. Die meiste Zeit verwendet Regisseur Raoul Peck den Originalton, entweder der Interviews mit Baldwin oder der historischen Geschehnisse. Die Doku beruht auf den ersten 30 Seiten von Baldwins letztem Roman, den er nie zu Ende geschrieben hat. Damit befasst er sich mit dem Leben und den Ermordungen von Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King, Jr., alles gute Freunden Baldwins. Er stellt nicht nur die Frage des Rassismus gegen Schwarze in den Raum, sondern sucht nach Antworten, nach Heilmitteln für diese furchtbare, hartnäckige Krankheit. Ein nicht einfacher und dennoch so wichtiger Dokumentarfilm auf dem Weg zur Gerechtigkeit.

Rating: 4 out of 5.

Copyright Netflix

Das Dilemma mit den sozialen Medien

Titel: Das Dilemma mit den sozialen Medien Originaltitel: The Social Dilemma Originalsprache: Englisch Gesehen auf: Englisch Regie: Jeff Orlowski Schauspieler:innen: Skylar Gisondo, Kara Hayward, Vincent Kartheiser, u.a. Sprecher:innen: Tristan Harris, Jeff Seibert, Bailey Richardson, Tim Kendall, u.a. Verleih: Netflix Erschienen: September 2020 Genre: Dokumentarfilm Länge: 89 Minuten

Irgendwie bin ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir mehr erwartet. In den 90 Minuten habe ich nichts erfahren, was ich nicht vorher schon wusste. Am interessantesten fand ich die letzten zwei Minuten. Zusammen mit den Vorhersagen, was passieren wird, wenn die Verantwortlichen für die diversen sozialen Medien, diese Medien nicht wieder sozialer Gestalten und sich weg vom reinen Profitgedanken bewegen. Es geht um Statistiken, wie die sozialen Medien unsere mentale Gesundheit und unser Sozialverhalten, aber auch unser Miteinander negativ beeinflussen. Es geht auch darum, wie künstliche Intelligenz unser Verhalten manipuliert und wie es Algorythmen schaffen, uns auf den diversen sozialen Plattformen zu halten. Das alles stellt Regisseur Jeff Orlowski nachvollziehbar an einer Beispielfamilie dar. Sie zeigt quasi das Verhalten, was die Experten und Expertinnen anprangern, voraussagen, als erstrebenswert für die Tech-Firmen halten. Was ich nicht verstanden habe, ist, warum so ein recht einfach zu verstehendes Thema, so kompliziert erzählt wurde. Aber die Doku zeigt, dass wir, die User, das Produkt sind und nichts umsonst ist, auch wenn es nichts kostet. Sie hat mich nicht dazu bewegt, mein Nutzerinnenverhalten zu ändern. Die Gedanken, die ich jetzt habe, habe ich mir auch schon vorher gemacht. Wie sehr beeinflussen die sozialen Medien mein Bild von mir selber und wie sehr bin ich von den “Likes” anderer Menschen abhängig? Fragen, die nur ich mir beantworten kann und keine Doku.

Rating: 3 out of 5.

Das waren wieder 5 Filme, diesmal Dokumentarfilme, die ich mir in den letzten Monaten angeschaut habe. wie ist das bei euch? Habt ihr einen oder mehrere der Filme gesehen? Gibt es noch andere Dokus, die ihr mir empfehlen könnt? Was ich auf jeden Fall gelernt habe, ist, dass ich wachsam schaue und nicht alles sofort glaube, was mir gezeigt wird. Wie unabhängig und neutral ist die Person, die hinter dem Film steckt?

Vielen Dank fürs Lesen. Bleibt gesund und bis zum nächsten Mal.

Zitat: Papierklavier

“Ich bin sechzehn und trage Kleidergröße 42. UND?

Soll ich mich jetzt schlecht fühlen?

Hey, ich muss nicht schlank sein. Es gibt so viel zu tun auf dieser Welt, um die Aufrechterhaltung des Schlankheitswahns kümmern sich schon genügend andere.

Die beschissenste Gleichung der Welt

schlank = SCHÖN = wertvoll”

  • aus: Papierklavier von Elisabeth Steinkellner

Filmreise-Challenge #40: Eddie, the Eagle

Wir unterbrechen die Besprechung der Filme, die gerade im Kino laufen und reisen weiter auf der Filmreise. Im Aktivurlaub treffen wir auf “Eddie, the Eagle” und der lehrt uns: Alles ist möglich. Gleichzeitig schließe ich mit dieser Besprechung den Aktivurlaub ab. Nun befinde ich mich auf der Zielgeraden. Noch drei Filme und drei Besprechungen bis die Filmreise zu einem Ende kommt. Nach mehr als drei Jahren Reise kommt das Ziel in Sicht. Doch erstmal kümmern wir uns noch um Eddie, der mit seiner Sturheit und seinem Durchhaltevermögen gegen Windmühlen kämpft und trotzdem nicht aufgibt.

Michael “Eddie” Edwards träumt seit er denken kann davon, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Das Problem: Der Junge ist nicht wirklich das, was man allgemein eine Sportskanone nennt. Er probiert eine Sportart nach der anderen und macht sich immer wieder auf zu den Olympischen Spielen. Zu Fuß, mit einem kleinen Koffer. Ohne jegliche Einladung eines Sportverbandes oder Komittees. Spät am Abend sammelt sein Vater ihn immer wieder an irgend einer Bushaltestelle in der Nähe auf. Doch Eddie gibt nicht auf und eines verschneiten Tages hat er eine Erleuchtung: Er hat die ganze Zeit für die falsche Jahreszeit trainiert. Es sind die Winterspiele für die er prädestiniert ist, nicht die Sommersportarten. Über Umwege landet er bei Skispringen. Aber wird er es auch bis zu den offiziellen Olympischen Spielen schaffen? Mit Hilfe seines neuen Trainers Bronson Peary bestimmt. Auch wenn ihm ganz viele fiese Leute so manchen Stein in den Weg legen.

Zu sagen, dass es ein süßer Film ist, passt wohl am besten. Ich muss zugeben, dass er einen kleine Twist hat, den ich nicht habe kommen sehen. Aber andererseits war es nach diesem Twist auch wieder vorhersehbar. Besonders überrascht war ich, als auf einmal Iris Berben auf dem Bildschirm auftauchte. Der unschuldige Eddie war ein wenig überfordert von der bodenständigen Hüttenwirtin. Auch wenn ich Hugh Jackman eigentlich sonst ganz gerne mag, konnte er mich in der Rolle als ehemaliger Profi-Super-Skispringer nicht überzeugen. Den abgebrühten, harten Kerl habe ich ihm einfach nicht abgekauft. Manchmal hatte ich das Gefühl, er war selber nicht überzeugt von dem, was er da tut. Taron Egerton als Eddie, the Eagle dagegen hat mir durch und durch gefallen. Seine Naivität und Trotteligkeit gepaart mit kleinen Gesten – hier sei seiner Brille gehuldigt – und Blicken geben einen stimmigen und durchdachten Charakter ab. Da habe ich ihm auch die unzähligen Gläser Milch verziehen, die er immer wieder trinkt. Mir schaudert es jetzt noch, wenn ich daran denke. (Sidenote: Ich hasse Milch!)

Das Biopic ist amüsant und stellenweise herzerwärmend und hat bestimmt auch seine Berechtigung unter den inspirierenden Filmen. Den Seitenhieb eines Sport-Kommentators auf das Bob-Team aus Jamaika fand ich super. “Cool Runnings” ist auch toller Film. Der würde ebenfalls sehr gut zu dieser Aufgabe der Challenge passen. Aber den habe ich ja schon gesehen – mehr als einmal. Eddie, sowohl der Film als auch die Person, zeigt, wie wichtig es ist, an sich selber zu glauben und sich nicht unterkriegen zu lassen. Außerdem sollte immer bedacht werden, wer sich einem da eigentlich in den Weg stellt. Abgedroschen, ja, ein wenig. Aber auf eine sehr liebenswürdige Art und Weise erzählt, sodass ein Blick nicht schaden kann. Michael “Eddie” Edwards ist auch ein Mann, den man schnell ins Herz schließt.

Rating: 3 out of 5.

Titelbild: Copyright 2016 Twentieth Century Fox

Kino: Judas and the Black Messiah

Der zweite Film, den ich gesehen habe, seitdem die Kinos wieder auf sind, ist “Judas and the Black Messiah”. Arbeite ich mich gerade durch die Liste der Filme, die für den Academy Award nominiert waren? Ja, irgendwie schon. Was ich aber auch mache, ist, ich arbeite mich durch die verschiedenen Kinos in der Stadt und schaue, welches Hygienekonzept mir am besten gefällt und wo ich mich am wohlsten und sichersten fühle.

Am Ende von “Judas and the Black Messiah” war ich mir nicht sicher, was mir die Story sagen wollte, auf der Metaebene. Anscheinend nicht mehr, als dass Gewalt Gegengewalt erzeugt. Das finde ich schwach. Das ist aber auch das einzige, was mir an dem Film nicht gefallen hat. Wobei gefallen die falsche Bezeichnung ist. Ich habe mich stellenweise unwohl gefühlt, aber das war auch die Intention und war daher die zu erwartende Emotion in diesem Moment. Die Nuancierung hat die kleinsten Details herausgearbeitet, ein Blick, eine gehobene Augenbraue, ein Lächeln, aber auch Geräusche und Positionierung im Raum.

Nachdem ich den Film gesehen habe, habe ich mich gefragt, was der Titel bedeutet. Das Historiendrama behandelt die Zeit der Black Panther-Bewegung in den 1960ern. Ihr charismatischer Anführer Fred Hampton ist die Hauptfigur, meisterhaft gespielt von Daniel Kaluuya. Er möchte eine Revolution im weißen Amerika auslösen, wenn es sein muss auch mit Gewalt. Die Polizei und das FBI wollen dies verhindern. Sie sehen in ihren schwarzen Mitbürger:innen eine Bedrohung. So schleusen sie den schwarzen William (Bill) O’Neill, der wegen Autodiebstahls verhaftet wurde, als Informant in die Bewegung. Was dann zu sehen ist, ist erstaunlich. Bill ist hin- und hergerissen zwischen seiner Verpflichtung der Polizei gegenüber und dem Sog, den Hampton auf ihn ausübt und ihn immer mehr in die Bewegung einsaugt. So ist der Titel wohl eine Analogie zu den Figuren im Neuen Testament.

Regisseur Shaka King hat ein Biopic geschaffen, dass recht einseitig ist. Ist das ein Kritikpunkt? In diesem Falle tatsächlich nicht, da es sich hier um das Leben und Wirken eines schwarzen selbsternannten Revolutionärs handelt, der sich für das Leben und Überleben der Black Community einsetzt. So ist die Story, was das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen angeht, pro Schwarze. Und gleichzeitig versucht sie nicht, die Handlungen zu rechtfertigen, sondern zeigt das, was passiert ist. Natürlich immer noch im Drama-Genre und nicht auf der Ebene eines Dokumentarfilms.

Die düstere und oft bedrohliche Atmosphäre entsteht durch den meisterhaften Einsatz von Licht und mehr noch durch Schatten. Dunkle Straßen, finstere Hinterhöfe, unübersichtliche Ecken oder auch Autofahrten, bei denen die Reisenden durch Schatten nur unscharf zu erkennen sind. Doch was mich am Film am meisten fasziniert hat, sind die Charaktere und dementsprechend die schauspielerische Leistung. Von Daniel Kaluuya als “Black Messiah” Fred Hampton über Lakeith Stanfield als “Judas” Bill O’Neill bis hin zu Dominique Fishback als Hamptons Freundin Deborah Johnson und Jesse Plemons als FBI Agent Roy Mitchell. Alle sind tief in ihre Charaktere eingetaucht, kennen ihre Stärken und Schwächen, ihre Ängste und Überzeugungen und zeigen so keine Stereotype sondern Menschen.

Als der Film vorbei war, wusste ich nicht so genau, was ich von ihm halten soll. Doch je länger ich über ihn, die Schauspieler:innen und Charaktere und das, wofür er steht, nachdenke, umso besser gefällt er mir. Das ist mir auch schon lange nicht mehr passiert.

Rating: 4 out of 5.

Titelbild: Copyright Warner Bros

Buch: Nennt mich Nathan

Wenn das Aussehen mit dem Gefühl nicht übereinstimmt

Titel: Nennt mich Nathan Von: Catherine Castro & Quentin Zuttion Originalsprache: Französisch Übersetzerin: Tanja Krämling Verlag: Splitter Erschienen: Mai 2019 Genre: Graphic Novel Seitenzahl: 144 ISBN: 978-3-96219-305-8 Bindung: Hardcover Preis: 22,00 €

Ende des letzten Jahres habe ich mir über die Bücher die ich lese Gedanken gemacht. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich recht einseitig lese. Die meisten Bücher sind entweder im Original auf Deutsch oder auf Englisch. Daher habe ich beschlossen, dieses Jahr an zwei Lese-Challenges teilzunehmen, beide auf The StoryGraph, meine Alternative zu GoodReads. Zum einen ist es die World Challenge, in der ich von jedem Kontinent ein Buch lese und zum anderen die The StoryGraph’s Translation Challenge. Zwar ist die Hälfte des Jahres bereits um, aber ich habe gedacht, ich lasse euch trotzdem an meiner Reise teilhaben. Heute stelle ich euch die Graphic Novel “Nennt mich Nathan” von der Autorin Chaterine Castro und dem Zeichner Quentin Zuttion aus Frankreich vor. Ich habe sie im Rahmen der World Challenge (Europa) gelesen.

Lila war als Kind ein sogenannter Tomboy. Sie mochte keine Kleider und wollte auch nicht schön für die Kamera lächeln. Als in der Pubertät ihre Brüste anfangen zu wachsen und sie Schamhaare bekommt, fühlt sie sich nicht mehr wohl in ihrem Körper. Am liebsten möchte sie ihren Busen einfach abschneiden. Sie schielt auf die coolen Barthaare der Jungen in ihrer Klasse. Das ist es, was sie möchte. Ihre engste Vertraute ist ihre Freundin Clementine, die bald mehr wird als nur eine platonische Freundin. Die Reaktion ihrer Eltern auf ihre kurzen Haare und ihre eventuelle Homosexualität ermuntern Lila in ihrer Entwicklung nicht, sondern stürzen sie in noch mehr Selbstzweifel. Das Buch porträtiert eine tolle Reise wie Lila zu sich findet und Nathan zum Vorschein kommt.

Bei Graphic Novels finde ich es oft schwierig, sie als Ganzes zu bewerten. Zum einen ist da der Zeichen- oder Mal-Stil und zum anderen die Geschichte. Bei “Nennt mich Nathan” ist es so, dass ich den Zeichenstil sehr schön finde. Mich spricht die Stiftführung an, aber auch die Farbpalette und der stellenweise minimalistische Stil. Er ist das, was als erstes meine Aufmerksamkeit auf das Buch gelenkt hat. Die Story beruht auf einer wahren Geschichte. Catherine Castro hält sich nicht lange in Lilas Kindheit auf, sondern setzt in dem Moment an, in dem Nathan auffällt, dass er etwas anderes ist, als seine Mutter sieht. Die Geschichte nimmt langsam Fahrt auf, bis es mir am Ende zu schnell ging. Zu schnell waren die Unstimmigkeiten gelöst. Zu schnell wurden die noch bestehenden “Probleme” übergangen und schön geredet.

Die Graphic Novel schafft es auf eine anschauliche und einfühlsame Weise über den Struggle zu sprechen, was es heißt, sich in seiner eigenen Haut nicht wohlzufühlen und einen Hass gegen den eigenen Körper zu entwickeln. Hier sei auch eine Trigger Warnung ausgesprochen, dass es ein paar explizite Bilder zu Selbstverletzung gibt.

Alles in allem hat mir die Graphic Novel sehr gut gefallen. Ich würde sie auch als Lektüre für Einsteiger:innen in das Thema Transidentität und Transsexualität empfehlen. Der Zeichenstil ist toll, nur das Ende hätte ich mir ein wenig ausführlicher gewünscht.

Rating: 3.5 out of 5.
Copyright: Splitter Verlag

Klappentext: Lilas Kindheit ist perfekt bis zu dem Tag, an dem ihr Körper ihr und der ganzen Welt die ersten unmissverständlichen Zeichen sendet, dass sie zur Frau wird. Denn Lila ist die einzige, die weiß, dass sie in Wirklichkeit ein Junge ist. Ihre »weibliche Identität«, diesen Fremdkörper, kann sie nicht akzeptieren. Mit sechzehn Jahren entscheidet Lila sich, Nathan zu werden. Mit der unerschütterlichen Unterstützung seiner Familie, seiner Freunde und Lehrer und mit unzähligen Testosteronspritzen nimmt Nathan die Herausforderung an, die genetische Lotterie des Lebens zu korrigieren, um endlich er selbst zu sein.

Eine einfühlsame, fiktive Biographie, die auf einer wahren Geschichte basiert.

Kino: Nomadland

Nach langer Zeit war es endlich wieder soweit. Ich konnte in einem Kinosessel versinken und mir einen Film auf der großen Leinwand anschauen. Und “Nomadland” von Chloé Zhao war perfekt für dieses Ereignis. Ein tolles Drama mit einer noch tolleren Frances McDormand.

Ich war total gepannt auf den Film. Von der Regisseurin habe ich bisher noch nichts gesehen, aber Frances McDormand hat mir in “Three Billboards Outside Ebbing, Missouri” schon total gut gefallen. Dass das Drama den diesjährigen Academy Award für Best Picture gewonnen hat, war die Kirsche auf dem Eisbecher. Es war ein tolles Gefühl getestet und registriert mit Maske im eher kleinen Kinosaal zu sitzen. Als das Licht ausging, machte sich ein wohliges Kribbeln in meinem Bauch breit. Wie schon gesagt, hat mir der Film richtig gut gefallen. Es ist kein Wohlfühl-Sommer-Film, sondern ein melancholisches Drama, das mich sehr nachdenklich gestimmt hat.

Die Witwe Fern hat keinen festen Wohnsitz. Sie reist mit ihrem umgebauten Van durch das Land, von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob. Zur Weihnachtszeit arbeitet sie beim Versandriesen Amazon, im Sommer hilft sie bei der Ernte. Auf dem Weg trifft sie immer wieder die selben Gesichter. “See you down the road” ist zum Abschied oft in der Gemeinschaft von Nomaden zu hören. Es ist nicht allzu lange her, dass Fern mit ihrem Mann in einem Haus in Empire, Nevada wohnte. Doch nachdem die United States Gypsum Corporation schließen musste, sind auch die meisten Menschen, die in der Firma arbeiteten aus dem Ort weggezogen. Irgendwann löschte die Regierung die Kleinstadt von der Landkarte. So hat Empire heute noch nicht einmal mehr eine Postleitzahl und Fern kein Zuhause mehr.

Doch sie beklagt sich nicht. Sie lebt in ihrem Van und arbeitet für kleines Geld. Auch wenn das Leben als Nomadin eher sie gewählt hat als umgekehrt, scheint es so, als könnte sich die einfühlsame Frau nun nichts mehr anderes vorstellen. Mehrere Male bieten ihr nahestehende Menschen an, dass sie bei ihnen wohnen kann. Doch jedes Mal stiehlt sie sich mal mehr mal weniger heimlich davon. Das sind Momente, in denen klar wird, dass in diesem sowieso recht wortkargen Film mehr ungesagt als ausgesprochen geschieht. Die Unterhaltungen, die zu hören sind, drehen sich um das Leben und die Einstellung dazu, um Verlust und Überleben.

Was mich faszniert hat, ist, dass an McDermonds Seite viele Menschen mitspielen, die tatsächliche Nomaden und Nomadinnen sind, allen voran Linda May und Swankie. Es gibt dem Film einen Hauch Dokumentarfilm und gibt ihm nochmal eine interessantere Nuance. Basierend auf einer wahren Geschichte ist die Story sehr einfühlsam umgesetzt. Dabei wird klar, dass es selbstgewählte Nomad:innen gibt und jene, die das Schicksal dazu gemacht hat. Doch die Gemeinschaft macht dabei keinen Unterschied. Sie halten zusammen. Auch wenn das Klima zwischen ihnen oft rau ist, helfen sie sich und halten zusammen. Aber es ist in jedem Moment klar, dass es hier ums pure Überleben geht.

Was das Meisterwerk abrundet, sind ein großartiger Soundtrack und beeindruckende Naturaufnahmen. Die Musik unterstreicht die Bilder der Weite, der Melancholie und Einsamkeit. Doch gibt es auch Momente, in denen keine Musik spielt und nur die Natur zur Sprache kommt. Grillenzirpen beim Sonnenuntergang. Dann sind es besonders die Farben, die der Himmel malt, die wunderschön festgehalten sind. Diese Momente scheinen manchmal die Belohnung für das harte Leben zu sein. Für mich war es der perfekte erste Film in den wiedereröffneten Kinos.

Rating: 4.5 out of 5.

Titelbild: Copyright SEARCHLIGHT PICTURES