Zitat: Emma

“Mrs. Goddard war die Leiterin einer Schule – keines Seminars oder Instituts oder irgendeiner jener Einrichtungen, die in langen Sätzen voll gebildetem Unsinn vorgeben, fortschrittliche Wissensvermittlung mit weltläufiger Moral auf der Basis neuer Erziehungsgrundsätze und neuer Lehrsysteme zu verbinden, und in denen junge Damen gegen enorme Summen um ihre Gesundheit und auf dumme Gedanken gebracht werden -, sondern eines echten, ehrlichen, altmodischen Mädchenpensionats, wo ein vernünftiges Maß an Fertigkeiten zu einem vernünftigen Preis geboten wird und wohin man junge Mädchen schicken kann, damit sie aus dem Weg sind und sich ein wenig Bildung aneignen, ohne Gefahr zu laufen, als Wunderkinder zuückzukommen.”

  • aus: Emma von Jane Austen

Filmreise-Challenge #34: Das Wunder von Bern

Heute machen wir wieder ein wenig Sport (mehr oder weniger; ich zumindest mit den Fingern). Im Aktivurlaub habe ich mir für die Aufgabe “Schaue einen Film, in dem es um Teamsportarten geht” den Film “Das Wunder von Bern” angeschaut. Wie die meisten wissen, geht es um die Fußballweltmeisterschaft der Männer in der Schweiz im Jahr 1954. Und wie wir alle aus dem Lied der Sportfreunde Stiller wissen, hat Deutschland in diesem Jahr die Weltmeisterschaft gewonnen. Auch der Aufschrei des Radiokommentators “Aus, aus, aus, aus… Das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister!” ist bekannt. Wenn also das Ende schon offenkundig ist, kann ein Film über genau dieses Ereignis interessant sein? Zum Teil schon, ja. Das kommt vor allem daher, dass das Großereignis eher die Nebenhandlung ist, doch das Schicksal einer Familie eng damit verknüpft ist.

Der Junge Matthias Lubanski (9) wohnt in Essen im kohleverseuchten Ruhrgebiet. Wie er selber sagt, ist sein bester Freund der Profi-Fußballer Helmut Rahn, der bei Rot-Weiss Essen spielt. Mattes ist stolz darauf, dass Rahn ihn seine Tasche tragen lässt, wenn er zum Training geht. Auch bei den Spielen muss der Kleine immer dabei sein. Denn nur wenn er da ist, könne Rahn auch Tore schießen. Bei so einem Satz wissen die aufmerksamen Zuschauer*innen doch schon, was kommt.

Die eine Geschichte in diesem Film ist also Rahn und die Meisterschaft. Matthias fungiert als Bindeglied zwischen dieser Story und seiner eigenen Nachkriegsfamiliengeschichte. Nach neun Jahren in Gefangenschaft kehrt Vater Richard aus Russland zurück zu seiner Familie. Zum ersten Mal in seinem Leben sieht Matthias seinen Vater, den er nur aus Erzählungen kannte. Für den Vater und die Familie ist es schwierig, sich einander zu nähern und wieder zu einem gemeinsamen Leben zu finden. Aber auch hier ist von vorne herein klar, wie dieses Dilemma ausgeht. Als dritte Handlung sehen wir dem frisch verheirateten Ehepaar Ackermann zu. Anstatt die Flitterwochen in Nordafrika zu verbringen, reisen sie in die Schweiz – Herr Ackermann darf für die Süddeutsche berichten. Als nach einer Wette die Namen der zukünftigen Kinder vom Ausgang des Endspiels Ungarn gegen Deutschland abhängt, ist auch Frau Ackermann Feuer und Flamme für den Sport.

Interessant zu sehen, war, dass auf dem Fußballfeld nicht 22 hartgestählte Maschinen stehen, sondern Männer, die Rauchen, Trinken und nicht die beste Kondition haben. Gut, der Raucher wird des Platzes verwiesen, aber auch nur mit einem Augenzwinkern. Es geht um das Spiel und nicht um den Sixpack und das Geld. Und es geht um das Prestige. Die Trophäe ist so klein, dass ich stellenweise Angst hatte, dass Fritz Walter sie fallen lässt. Es ist faszinierend, wie sehr die Ware Fußballspieler sich geändert hat, eben vom Menschen zum Objekt.

Wenn auch teilweise schmerzhaft anzuschauen, hat mir die Familiengeschichte im Nachkriegsdeutschland gut gefallen. So wie den Lubanskis wird es vielen Familien gegangen sein. Die Familienmitglieder haben sich entfremdet, müssen sich umstellen, aufeinander Rücksicht nehmen. Ich weiß nicht, ob sich ein ehemaliger Soldat wirklich so schnell den neuen Umständen anpassen kann, aber Vater Richards Reise durch die Emotionen und auch seine Verzweiflung war gut zu erkennen.

Regisseur und Drehbuchautor Sönke Wortmann hat einen ebenso vorhersehbaren wie trotzdem ansehnlichen Film geschaffen. Gut besetzt und schön gespielt ist es ein Film, der zwar von einem Wunder erzählt, aber selber kein Wunder ist. Trotzdem ist es ein Drama, dass sich mit einem vernachlässigten, aber wichtigen Stück Geschichte auseinandersetzt. Ein schöner Abend auf der Couch lässt sich mit der Geschichte auf jeden Fall verbringen.

Rating: 3 out of 5.

Titelbild: Copyright Senator Film Produktion

Filmreise-Challenge #35: The Calcium Kid

Nicht dass meine Zeitreise und meine Kunst- und Kulturreise beendet sind, trotzdem machen wir heute ein wenig Akitvurlaub. Die Aufgabe für diese Woche lautet: Schaue einen Kampfsportfilm. Ich habe mich für die Komödie “The Calcium Kid” entschieden. Ich muss gestehen, dass ich mich im Aktivurlaub am wenigsten auf den Motorsportfilm und die beiden Kampfsportfilme freue beziehungsweise gefreut habe. Da “The Calcium Kid” aber eine so angenehme, britisch-witzige Komödie ist, war der Einstieg nicht so schlimm, wie befürchtet.

Ein junger Orlando Bloom spielt Jimmy “The Calcium Kid” Connelly. Er muss anstelle des Mittelgewichtsboxers Pete Wright gegen den World Champion José Mendez (Michael Pena) antreten. Warum? Blöderweise hat Connelly in einer Sparing Runde Wright das Handgelenk gebrochen. Nun hat der Manager Herbie Bush eine Woche, um den Grünling auf den Kampf seines Lebens vorzubereiten. Den Spitznamen “The Calcium Kid” trägt Jimmy, weil er sein Geld damit verdient, in seinem Viertel die Milch auszufahren. Bei so einer Story kann es schon gar kein seriöses Drama werden. Hier spielt viel englischer Humor mit, wenig ist ernst, viel überspitzt und kein einziger Fremdschäm-Moment… Von denen hatte ich nach den ersten Minuten einige erwartet. Nur hinter der Kampagne: “Trinkt Milch und ihr werdet stark wie The Calcium Kid” kann ich nicht stehen.

Aufgezogen ist der Film übrigens als Mockumentary. Der fiktive Dokumentarfilmer Mark Gore hat sich in den Kopf gesetzt, dass die Dokumtentation des Aufstiegs von “The Calcium Kid” sein nächster großer Hit wird. So wird Connelly Tag und Nacht von einer Kamera-Crew verfolgt. Schlüpfrige Szenen unter der Dusche oder andere Peinlichkeiten werden uns aber erspart. Auch die mehrmaligen Anfragen einer scheinbar gelangweiten Hausfrau, ob Jimmy ihr die Milch nicht lieber in die Wohnung tragen möchte, werden gekonnt von ihm abgewehrt.

Die schauspielerische Leistung sitzt allein auf Orlando Blooms Schultern. Selbst Michael Pena schwächelt ein wenig in seiner Rolle. Bloom ist der einzige, dem ich seine Figur wirklich abgekauft habe. Besonders Omid Djalili als Connellys Manager fand ich schwach. Ja, er trägt viel mit seinem Humor zum Film bei, aber eher durch gespielte Dummheit, Größenwahn und Geldgier seiner Figur. Das hätte tiefer gehen und mit pointiertem Spiel lustiger sein können. Auch ein wenig Theatralik hätte nicht geschadet.

Durch ein Missverständis kommt es dazu, dass Connelly auf einmal als Faschist da steht. Hier ist die Nachricht des Films für mich ganz klar: Es ist wichtig, nicht alles nachzusagen, sondern zu hinterfragen, was einem gesagt wird und dann hinter dem zu stehen, was man von sich gibt. Trotzdem war auch dieser Teil der Geschichte nicht ganz ausgereift. Doch zugegebener Maße bin ich froh, dass dieses Thema nicht weiter ausgereizt wurde.

Noch nicht ganz klar bin ich mir, wie ich zu der Darstellung von Jimmys Eltern stehe. Zum einen wird immer wieder gesagt, dass Jimmys Mutter “Massage Therapist” ist. Was im Grunde Code für Prostituierte ist. Es ist also etwas verruchtes, anstößiges, dass Jimmys Mutter ihr Geld mit Sexarbeit erwirtschaftet. Andererseits ist Jimmys stolz auf seine Mutter. So ist ein ambivalentes Bild zu sehen und es wird nicht klar, was wir von Jimmys Mutter zu halten haben. Ist sie eine Frau, die eine abscheuliche Frau, die in einem schändlichen Gewerbe arbeitet oder ein liebenswerter Mensch, die alles tut, um sich und ihren Sohn zu versorgen. Sex positiv oder Sex negativ? Genauso Jimmys Vater, der wegen versuchtem Mord im Gefängnis sitzt. Aus Eifersucht hat er einen der Klienten seiner Frau k.o. geschlagen. Auf der einen Seite möchte er nicht, dass Jimmy ihn im Gefängnis besucht, doch als er das vor dem Kampf doch tut, ist er voller Weisheit und guter Ratschläge. Wie ist es möglich, dass Jimmys Vater ein weiser Mensch ist, wenn er doch im Gefängnis sitzt? Das ist keine Frage, die ich mir stelle, sondern eine, die der Film aufwirft. So bin ich mir nicht sicher, ob hinter der Darstellung der beiden ein tieferer Sinn liegt.

“The Calcium Kid” fällt leider in die Kategorie der Filme “Kann man gucken, muss man aber nicht”. Die Geschichte ist nicht schlecht. Manchmal ist ein Schmunzler drin, aber er war nicht stark genug, um meine Aufmerksamkeit die ganzen 90 Minuten lang zu halten.

Rating: 3 out of 5.

Titelbild: Copyright Universal Studios/StudioCanal

5 Filme in 3 Minuten Special

Die erste Liste, die in meinem vorletzten Notizbuch steht, heißt: Filme, die dir helfen, das Leben zu verstehen. Auf dieser Liste stehen sechs Filme. Ich mache heute also einmal eine Ausnahme und präsentiere euch 6 Filme in 4 Minuten.

Copyright UCM.One

Frontalwatte

Titel: Frontalwatte Originaltitel: Frontalwatte Originalsprache: Deutsch Gesehen auf: Deutsch Regie: Jakob Lass SchauspielerInnen: Franz Rogowski, Gabi Herz, Simon Finkas, Paula Schramm, u.a. Verleih: UCM.One Erschienen: Juli 2016 Genre: Drama Länge: 78 Minuten

“Frontalwatte” hat mich leicht verstört. Ich habe fast 80 Minuten mit den verschiedenen Charakteren verbracht, habe sie ein wenig kennengelernt und doch hat mich zumindest einer immer wieder überrascht: Franz. Er ist der Protagonist, der mich am meisten zum Fremdschämen animiert hat. Nun gut, das lässt sich verschmerzen. Aber manchmal tat es weh, wenn er, aber auch er und Ursula, wissentlich oder nicht Wohlfühl-Grenzen überschritten haben. Die Perspektive von Menschen aufgezeigt zu bekommen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, war reizvoll und interessant. Franz Verhalten war mir trotzdem leicht zuwider. Ich hätte auch gerne von den anderen beiden Protagonist*innen Adrian und Anastasia mehr gesehen. Ihre Geschichten und Entwicklungen kamen mir zu kurz. Zu Adrian hätte ich gerne gewusst, wie seine Perspektiven aussehen, nachdem er bei seiner Mutter ausgezogen ist. Das Gegenteil bei Antastasia: Ich hätte gerne erfahren, wo sie herkommt, was sie erlebt hat, ehe sie in Berlin angekommen ist. Insgesamt war mir der Film zu oberflächlich. Ich habe keinen tieferen Zugang gefunden und weiß immer noch nicht, warum ich mir den Spielfilm unter dem Deckmantel der Liste anschauen sollte. Das Positive ist, dass er mir das ein oder andere über zwischenmenschliche Kommunikation aufgezeigt hat. Außerdem geht er mit Sex und sexueller Anziehung zwischen Menschen mit größerem Altersunterschied unvoreingenommen und entspannt um. Falls jemand weiß, was Freitod-Tiere sind, gerne bei mir melden.

Rating: 2.5 out of 5.

Copyright Vinyl Foote Productions

The Cake Eaters

Titel: The Cake Eaters Originaltitel: The Cake Eaters Originalsprache: Englisch Gesehen auf: Deutsch Regie: Mary Stuart Masterson SchauspielerInnen: Kristen Stewart, Aaron Stanford, Bruce Dern, u.a. Verleih: NewKSM Erschienen: Oktober 2010 Genre: Drama Länge: 86 Minuten

Das ist wieder einer dieser Film, die mindestens einen halben Stern mehr bekommen hätten, wenn die Synchro nicht so grottig wäre. Aber, wie es immer ist, man arbeitet mit dem, was man hat. Nachdem seine Mutter an Krebs gestorben ist, kehrt Guy in sein Heimatdorf im ländlichen Nirgendwo zurück. Dort hat sich nichts verändert. Alles scheint so, wie er es verlassen hat. Niemand hat auf ihn gewartet, besonders seine ehemalige Verlobte Stephanie nicht. Aber es ist auch nicht schlimm, dass er da ist. Obwohl das darauf ankommt, wen man fragt. Die Stimmung im Film ist gedrückt und düster. Die ganze Zeit liegt Anspannung in der Luft. Guys Vater Easy ist eng mit Marge, einer alten Dame aus der Nachbarschaft befreundet. Ihr ganzer Stolz ist Georgia, ihre 15-jährige Enkelin. Sie ist an Morbus-Friedreich (auch Friedreich Ataxi), einer degenerativen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die letztendlich zum Tod führt, erkrankt. Da Georgia nicht weiß, wieviel Zeit ihr noch bleibt, hat sie sich Guys jüngeren Bruder Beagle ausgesucht, um schnellstmöglich so viele sexuelle Erfahrungen zu sammeln, wie sie nur kann. Ganz zum Mißfallen ihrer Mutter. Die Geschichten der beiden Familien sind eng miteinander verbunden. Georgias Geschichte hat mich bei weitem mehr interessiert als alles andere. Kristen Stewarts Darstellung des kranken Mädchens ist herausragend. Alle anderen Charaktere sind recht blass und eindimensional. Die Storyline selber ist süß und vorhersehbar. Die Zwischentöne sind das, was den Film ausmacht.

Rating: 2.5 out of 5.

Copyright Pyramide Distribution

Soul Kitchen

Titel: Soul Kitchen Originaltitel: Soul Kitchen Originalsprache: Deutsch Gesehen auf: Deutsch Regie: Fatih Akin SchauspielerInnen: Adam Bousdoukos, Moritz Bleitreu, Anna Bederke, Pheline Roggan, Wotan Wilke Möhring, u.a. Verleih: Pandora Filmverleih Erschienen: Dezember 2009 Genre: Drama, Komödie Länge: 99 Minuten

Mit “Soul Kitchen” bin ich zum ersten Mal vor etlichen Jahren in Berührung gekommen, als ich die Schulaufführung des adaptierten Stoffes besucht habe. Völlig frei von der Leistung der Oberstufenklasse hat mich damals schon die Story nicht gepackt. Zuviel Pech, zuviel Missgunst, zuviel unnötiges Drama besonders zurückzuführen auf Drogen und Alkoholgenuss. Auch bin ich mit anderen Filmen unter der Regie von Fatih Akin wie “Im Juli” vorher schon nicht warm geworden. Was mir an “Soul Kitchen” zusätzlich nicht gefallen hat, war die teils miserable Schauspielleistung von Adam Bousdoukos. Zu laut, zu oberflächlich, zu wenig auf seine*n Spielpartner*in abgestimmt. Monika Bleibtreu als Matriarchin einer reichen Familie hat zwar nur einen kurzen Auftritt, aber diese Szenen mit ihr waren super. Auch super ist die Location des Restaurants “Soul Kitchen”, das Zinos (Adam Boudoukos) eher schlecht betreibt. Ich mag diesen Industriecharme gerne. Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg scheint es noch alte Fabriken und verlassene Industriegebäude zu geben, die große Räume mit ranzigem Ausblick möglich machen. Genauso toll fand ich den Stil der Inneneinrichtung der Wohnungen von Zinos und der Kellnerin Lucia. Minimalistisch cool. Der arme Tropf Zinos rennt von einem Fettnäpfchen ins nächste. Da freu ich mich glatt, wenn er wenigstens in einen Blumenladen rutscht und nicht die Treppe runter.

Rating: 2.5 out of 5.

Copyright MK2 Diffusion

Mysterious Skin

Titel: Mysterious Skin – Unter die Haut Originaltitel: Mysterious Skin Originalsprache: Englisch Gesehen auf: Englisch Regie: Gregg Araki SchauspielerInnen: Brady Corbet, Joseph Gordon-Levitt, Elisabeth Shue, Bill Sage, u.a. Verleih: I-on New Media Erschienen: August 2006 Genre: Drama Länge: 99 Minuten

Ein krasser, sehr intensiver Film. Es geht um zwei Jungen, die in jungen Jahren (ab dem achten Lebensjahr) von ihrem Baseball-Coach missbraucht wurden. Der eine, Bryan, “nur” zweimal. Der andere, Neill, sehr oft und über einen langen Zeitraum. So lange, bis der Coach aus der Kleinstadt wegzieht. Bryan kann sich an nichts mehr erinnern, aber seit er seinen ersten Blackout hatte, bekommt er in Situationen, die ihn triggern Nasenbluten und fällt in Ohnmacht. Neill dagegen hat eine gestörtes Verhältnis zu anderen Menschen, seinem Leben und vor allem sich selbst. Er outet sich als queer und fängt als Teenager an, als Prostituerter sein Geld zu verdienen. Gregg Araki behandelt den Stoff mit sehr viel Fingerspitzengefühl. Die Mimik besonders Neills gibt viel mehr preis als die Kamera zeigt. Es braucht keine expliziten Bilder, um die Zuschauer*innen an dem Horror teilhaben zu lassen, der sich vor ihren Augen abspielt. Zu sehen sind die vielen Facetten, die Trauma annehmen kann. Sowohl Corbet als auch Gordon-Levitt sind großartig in ihren Rollen. Es ist ein Film über den ich noch lange nachdenken werde. Was mich davon abgehalten hat, dem Drama fünf Sterne zu geben? Bryans Entwicklung ging mir am Ende zu schnell. Mehr Nuancen auf der Reise wären schön gewesen. Trotzdem ist “Mysterious Skin” mehr als sehenswert. Triggerwarnung für explicit sexual abuse ist auf jeden Fall wichtig!

Rating: 4.5 out of 5.

Copyright Senator Filmverleih

Westen

Titel: Westen Originaltitel: Westen Originalsprache: Deutsch Gesehen auf: Deutsch Regie: Christian Schwochow SchauspielerInnen: Jördis Triebel, Tristan Göbel, Alexander Scheer, u.a. Verleih: Senator Filmverleih Erschienen: März 2014 Genre: Drama Länge: 102 Minuten

Nachdem ich den Film gesehen habe, war mir nicht wirklich klar, was ich da gesehen habe bzw. was die Aussage dieses Drama-Thrillers sein soll. Hier fängt es ja schon an. Ist es eine Familiengeschichte? Ist es eine Flüchtlingsgeschichte? Ist es ein Film über Spione und Geheimdienste? Oder eine sehr verwobene interkulturelle Liebesgeschichte? Ich habe keine Ahnung. Nelly Senff flieht 1978 mit ihrem neunjährigen Sohn Alexeij über die deutsch-deutsche Grenze nach Westberlin. Dort landen sie erstmal in einem Notaufnahmelager. Nelly ist fest davon überzeugt, dass sie es im Westen besser haben werden und dass sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen können. Doch diese Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Sie wird wiederholt vom Geheimdienst über ihren verstorbenen Mann Wassilij befragt. Angeblich soll dieser ein russischer Spion gewesen sein. Auch Alexeij hat es schwer, weil er so anders ist, als die Kinder in seiner Klasse. Was ein neuer Start sein sollte, entpuppt sich als ein zermürbender, endlos scheinender Marathon. Die schauspielerische Leistung ist super. Besonders Jördis Triebel zeigt eine bemerkenswerte Vielseitigkeit zwischen Angst, Trauer, Frust, Freude und Fürsorge. Schlecht ist “Westen” nicht. In keinster Weise. Nur sehr verwirrend, weil er keine eindeutige Richtung hat und mindestens drei Geschichten auf einmal erzählt. Zwei wären genug gewesen, egal in welcher Kombination.

Rating: 3 out of 5.

Copyright The Weinstein Company

Lawless

Titel: Lawless – Die Gesetzlosen Originaltitel: Lawless Originalsprache: Englisch Gesehen auf: Deutsch Regie: John Hillcoat SchauspielerInnen: Shia LeBeouf, Tom Hardy, Jason Clarke, Jessica Chastain, Mia Wasikowska, Guy Pearce, u.a. Verleih: Koch Films Erschienen: März 2013 Genre: Drama Länge: 115 Minuten

Zugeben, der Film hatte von Anfang an schon keine guten Karten und ich bin nicht vorurteilsfrei an ihn herangegangen. Zum einen ist Weinstein die Produktionsfirma und zum anderen spielt Shia LeBeouf den Erzähler und eine der Hauptrollen. Wer meinem Blog schon länger folgt, weiß, dass ich Shia LeBeouf furchtbar finde, sowohl on Screen als auch off. Wenn mir nicht schon zu Anfang des Films erzählt worden wäre, dass es sich hierbei um eine wahre Geschichte handelt, hätte ich vor Unglaube ob der Geschichte noch mehr den Kopf geschüttelt, als ich es so schon getan habe. Einem Mann wird die Kehle durchgeschnitten, aber wie durch ein Wunder überlebt er, obwohl es mehrere Stunden dauert, bis er ins Krankenhaus kommt? Naja…lasse ich mal so stehen. Wir folgen den drei Bondurant Brüdern Howard, Forest und Jack. Zur Zeit der Prohibiton in den 1930ern dominieren sie das Schwarzbrennen und den Handel mit illegalem Whiskey. Es entsteht ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Deputy und seinen Leuten. Dabei geht es nicht ohne Gebrüll und Geballer und viel, viel Blut(verlust) zu. Oder sie schlagen sich gegenseitig rot, grün und blau. Die Story ist dabei sehr simpel und zieht sich extrem in die Länge. Die beiden eingewobenen Liebesgeschichten sind für mich völllig überflüssig. Aber wenigstens heben Jessica Chastain und Mia Wasikowska die Latte für die schauspielerische Leistung an. Da ist sonst nämlich nicht viel von zu erkennen.

Rating: 1.5 out of 5.

Fazit: Die sechs Filme sind durchschnittlich, bis auf “Mysterious Skin”, aber das gleicht sich mit “Lawless” wieder aus. Wenn ich mir die Vorgabe ansehe, dass diese Filme mir helfen sollen, dass Leben zu verstehen, stehe ich vor einem Rätsel. Ich konnte sehr gut in andere Leben, Welten und Lebenswelten schauen, aber aus keinem Film konnte ich einen Mehrwert für mein eigenes Leben ziehen, zu fremd waren mir die Lebensumstände und -wirklichkeiten. Welche Filme habt ihr geschaut, die euch geholfen haben, dass Leben, insbesondere euer Leben, zu verstehen?

Danke fürs Vorbeischauen. Bleibt gesund und bis zum nächsten Mal!

Zitat: Frontalwatte

“Schöne Frauen sind manchmal sehr rar
Und manchmal gibt es zu viele
Manchmal bist du der Star
Und manchmal eigentlich immer
Sind die Dinge schlimmer
Und ich sitze mit meinem Selbstmitleid im Zimmer
Und trimme das Licht mit ‘nem Dimmer
Schöne Frauen möchte ich manchmal mit meinem Besenstil verhauen
Schöne Frauen möchte ich manchmal mit meinem alten Besenstil verhauen”

  • Franz in Frontalwatte (2016)

Filmreise-Challenge #69: Porträt einer jungen Frau in Flammen

Eine neue Woche, ein neuer Reisestopp. Dieses Mal heißt die Aufgabe: Schaue einen Film, in dem es um die bildende Kunst oder einen Künstler geht. Ich habe mich für das Drama “Porträt einer jungen Frau in Flammen” entschieden. Wie so viele, steht auch dieser Film schon lange auf meiner Liste an Filmen, die ich gerne sehen möchte. Wobei es ein wenig gedauert hat, bis ich auf das Drama aufmerksam geworden bin. Und nun, da ich ihn gesehen habe, bin ich schockverliebt. Was für ein toller Film!!!

In dieser Produktion passt einfach alles. Das Setting und die Kulisse, die stimmige und einfühlsam erzählte Geschichte und die tollen, anmutigen Schauspielerinnen.

Wir befinden uns vor der Küste der Bretagne. Eine Frau in schweren Röcken und einem engen Mieder springt aus einem Ruderboot ins Meer, um ihre Leinwände zu retten. Die Männer, die das Boot rudern, sehen nur teilnahmslos zu. Sie sind wortkarg. Endlich an der Küste angekommen, geht die junge Malerin den steilen Weg zum Herrenhaus hinauf. Mitten in der steinigen, rauen Landschaft ragt es hervor. Eine junge Magd begrüßt sie und führt Marianne, die Malerin, zu ihrem Zimmer. Dort entsteht die erste ästhetisch ansprechende Szene, der noch viele folgen sollen. Marianne sitzt vollkommen nackt mit angezogenen Beinen vor dem prasselnden Kaminfeuer. Wir sehen nur ihre dunkle Silhouette von der Seite. Was anrüchig wirken könnte, strahlt Vertrautheit und Initimität aus. Es vermittelt das Gefühl, dass Marianne sich in dem Haus wohlfühlt. Die Kamera beurteilt die Szene nicht, sondern lässt sie schlicht und unkommentiert auf uns wirken.

Es herrscht Stille. Nur das Prasseln des Kaminfeuers und Mariannes Atem sind zu hören. Dieses Porträt wird ohne Filmmusik gemalt. So lenkt das Fehlen von großen pompösen Tönen die Aufmerksamkeit auf die kleinen, feinen Geräusche: Atem, Pinselstriche, feine Küsschen, aber auch die großen, lauten, bewegen Klänge wie der Wind und das Meer. Wir merken erst, wie sehr unsere Emotionen von Filmmusik geleitet und beeinflusst sind, wenn diese gänzlich fehlt. Doch wenn hier Musik einmal erklingt, ist sie umso intensiver. An einem Lagerfeuer stimmt ein Frauenchor ein Lied an, dass direkt ins Herz dringt.

Marianne malt die junge Héloise. Das Porträt soll an Héloises künftigen Ehemann in Mailand geschickt werden. Der Herr in Mailand möchte sich von der Schönheit seiner Zukünftigen vergewissern, ehe er einer Hochzeit endgültig zustimmt. Die wahrscheinliche Braut grämt sich. Sie möchte weder heiraten, noch die Bretagne verlassen. Aber sie weiß, dass sie sich diesem Schicksal beugen muss. Auch wird uns, den Zuschauer*innen nichts vorgespielt. Wir wissen von Anfang an, dass die erwachene Liebe zwischen der Malerin Marianne und der stolzen Héloise keine Zukunft hat.

Doch dass zwischen den beiden Frauen etwas passieren wird, ist unausweichlich. Zu übermächtig ist die Anziehung zwischen den beiden. Diese Chemie, dieses Knistern ist von der ersten Sekunde an zu spüren. Wenn Noémie Merlant (Marianne) und Adèle Haenel (Héloise) aufeinandertreffen, ist der Samen für eine zarte Blume gesät. Die zwei Liebenden gehen so einfühlsam und ehrlich miteinander um, dass es uns, die Zuschauer*innen, die Zeit vergessen lässt. Eigentlich möchte wir die beiden lieber alleine lassen, wissen wir doch, wie kostbar die wenigen Momenten sind, die sie ungestört zusammen genießen können. Aber genauso sehr möchten wir keinen Augenblick missen, sie dabei zu beobachten, wie ihre Zuneigung wächst. Der erste Kuss ist so ruhig und schön anzuschauen. Keine Dramatik, die uns überzeugen möchte, dass hier etwas geschieht das falsch und moralisch verwerflich ist. Wie gesagt: Die Kamera beurteilt und verurteilt nicht.

Besonders in intimen Szenen ist zu erkennen, dass hier ein female gaze eingenommen wird. Kein Starren, keine sensationlüsternen, exploitierenden Kamerafahrten, keine unrealistischen Einstellungen und Bilder, sondern die vorsichtige Annäherung zweier Frauen, die ihren Gefühlen folgen, obwohl ihnen ihr Verstand etwas anderes sagt.

Céline Sciamma hat ein Meisterwerk geschaffen. Ich kann “Das Portät einer jungen Frau in Flammen” nicht genug loben und empfehle es allen Menschen, die einen Film fern der Norm mit leisen Zwischentöne, feinen Nuancen, zwei wunderbaren Hauptdarstellerinnen und einer tolle Kulisse zu schätzen wissen.

Rating: 5 out of 5.

Titelbild: Copyright Pyramide Distribution

Zitat: Giovannis Zimmer

“Hätte ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt, dass das Ich, das ich finden würde, sich als dasselbe Ich entpuppen würde, vor dem ich so lange weggelaufen war, ich glaube, ich wäre zu Hause geblieben. Andererseits wusste ich tief in meinem Herzen, wohl ganz genau, was ich tat, als ich das Schiff nach Frankreich bestieg.”

  • David in Giovannis Zimmer von James Baldwin