Jafar Panahi

Jafar Panahi

Copyright Jafar Panahi Film Productions

“Jeder Film lohnt sich erstmal gesehen zu werden. Der Rest kommt natürlich auf den Geschmack an.”

  • Jafar Panahi in Taxi Teheran
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Die Filmreise-Challenge #5: Taxi Teheran

Die Filmreise-Challenge #5 – Weltreise (Abenteuerurlaub): Schaue einen Film aus dem orientalischen Raum.

Ich habe diese Aufgabe genutzt und endlich “Taxi Teheran” geschaut. Ein Film, den ich schon länger gucken wollte.

Taxi Teheran Poster

Bilder: Weltkino Filmverleih

Der Inhalt des Films ist schnell erzählt: Der iranische Regisseur Jafar Panahi besorgt sich ein Taxi und fährt damit durch die Hauptstadt Teheran. Auf dem Armaturenbrett ist eine bewegliche Kamera befestigt. Diese zeichnet die Mitreisenden und ihre Gespräche auf. So entspinnen sich vor den Augen der ZuschauerInnen die unterschiedlichsten Szenarien. Mal tragisch, mal politisch, mal angespannt, mal lustig. Allem begegnet der Regisseur mit scheinbar gelassener Aufmerksamkeit.

Ich hätte den Film gerne im Original gesehen. Aber leider stand mir eine Version mit Untertiteln nicht zur Verfügung und mein Farsi ist einfach nicht existent. So geht für mich ganz viel Authentizität verloren. Ganz oft passen die Stimmen nicht zu den Charakteren und die Sätze sind hölzern. Ich weiß, dass die Sprachmelodie und der Sprachgebrauch, also die Wörter und Satzkompositionen, im persischen Raum anders sind als im Deutschen, aber das Gesagte passt für mich oft nicht mit der Körpersprache der Personen zusammen.

Abgesehen von diesem Aspekt hat mir “Taxi Teheran” sehr gut gefallen. Es ist mal wieder ein Eintauchen in eine vollkommen andere Welt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, nicht das sagen zu können, was mir durch den Kopf geht, weil ich Angst haben muss, dass ich verhaftet werde und vielleicht sogar zum Tode verurteilt werde. Nicht in einem Rechtsstaat zu leben, sondern der Willkür der Justiz und der Sharia ausgeliefert zu sein, ist kaum auszumalen. Gerade deshalb hat es mir gefallen, wie der Regisseur es in diesem Film geschafft hat, die verschiedenen Seiten des Irans darzustellen. Die streng (aber-)gläubigen, die Extremen, die Gebildeten, die Verschüchterten, die, die immer ihren Weg finden. Und dann ein Kind, dass alles in Frage stellt, aber schon genau weiß, dass es das Richtige tun muss, auch wenn es nicht versteht, was das Richtige ist. Angst infiltriert alles.

Zu wissen, dass Panahi als Filmemacher im Iran nicht arbeiten darf und dennoch diesen Film gedreht hat, zeugt von Mut. Es handelt sich wohl um eine Mischung aus vorgegebenen Dialogen und Situationen, die sich spontan ergaben. Wann aber die Personen nach Drehbuch arbeiten oder sich die MitfahrerInnen frei äußern, ist schwer zu unterscheiden. Ebenfalls ist es schwierig zu erkennen, wann das Taxi tatsächlich durch die Straßen Teherans fährt und wann der Hintergrund animiert ist. Die Grenzen zwischen Drama und Dokumentation verschwimmen.

Ich bin froh, dass ich “Taxi Teheran” endlich geschaut habe. So hat es mich doch mal wieder daran erinnert, wie gut ich es in Deutschland mit Meinungs- und Pressefreiheit habe. Für alle, die so eine Erinnerung auch gebrauchen können oder das Leben aus einer anderen Perspektive betrachten möchten oder sich mit kritischen religiösen und politischen Fragen auseinandersetzen möchten oder sich Teheran aus einem Auto anschauen möchten, kann ich diesen Film nur empfehlen. Ein gelungener Reisestopp.

Middlesex (2)

Middlesex

Bild: Picador USA

“Outside, the Muslim Girls Training and General Civilization Class installed silkworm trays. They worked in silence, daydreaming of their various things. Ruby James was thinking about how handsome John 2X had looked that morning, and wondered if they would get married someday. Darlene Wood was beginning to get miffed because all the brothers had gotten rid of their slavenames but Minister Fard hadn’t gotten around to the girls yet, so here she was, still Darlene Wood. Lily Hail was thinking almost entirely about the spit curl hairdo she had hidden up under her headscarf and how tonight she was going to stick her head out her bedroom window, pretending to check the weather, so that Lubbock T. Hass next door could see. Betty Smith was thinking, Praise Allah Praise Allah Praise Allah. Millie Little wanted gum.”

  • Jeffrey Eugenides – Middlesex

Die Filmreise-Challenge #4: Bangkok Warrior

Die Filmreise-Challenge #4 – Weltreise (Abenteuerurlaub): Schaue einen Film aus Südostasien.

Da Amazonien und Netflix für diesen Teil der Welt nicht viel Auswahl bieten, habe ich mir den thailändischen Martial-Arts Film “Bangkok Warrior” (OT: “Nuk Soo Dane Song Kram”) angesehen.

Bangkok Warrior PosterIch weiß nicht wirklich, was ich zu diesem Film schreiben soll. Ich finde ihn furchtbar. Gut, ich bin kein Fan des Genres, aber selbst wenn ich es wäre, wäre dieser Schund nicht besser auszuhalten gewesen. Die Story ist gar nicht schlecht und bietet eine solide Voraussetzung für einen guten Actionfilm, aber die Umsetzung ist einfach nur grauenhaft.

Der Artefaktsammler Narong hat in den tiefen des Dschungels den sagenumwobenen Goldstein gefunden. Leider ist Narong in die Hände von Kriminellen geraten, die im Umfeld Opiumhandel betreiben. Sie wittern ihre Chance und wollen den Goldstein an sich reißen. Doch Narong schweigt beharrlich. Währenddessen macht sich ein Rettungstrupp auf den Weg, um ihn zu befreien. So weit, so gut. Dann muss ich mir aber anhören, dass nicht nur General Jang – der Narong gefangen hält – und seine Truppen ein Problem darstellen. Nein, auf dem Weg gibt es auch gefährliche schwarze Kobolde (Menschenfresser) und Zombies gegen die sich die mutigen Kämpfer durchsetzen müssen.

Die deutsche Synchronisation des Films ist schaurig. Alle hören sich an, als seien sie entweder grenzdebil oder höchst bekifft. Das ist aber noch das kleinste Übel. Die Spezialeffekte sind nicht glaubhaft. Da fliegt ein Turm direkt zweimal in die Luft. Aber nicht nur einfach so, sondern so richtig spektakulär. Beim ersten Mal explodiert er viermal hintereinander. Und beim zweiten Mal – falls die ZuschauerInnen nicht mitbekommen haben, dass die Handgranate eingeschlagen ist – explodiert derselbe Turm zehn Minuten später noch einmal. Vielleicht ein Mangel an Ausstattung und Requisiten? Wenn ich von den kurzen Muay-Thai-Kampf-Sequenzen absehe, waren die Stunts auch nicht gut koordiniert. Stuntmen springen entweder zu früh oder zu spät los. Oder, mein persönlicher Liebling, springen in die Explosion hinein. Sehr beeindruckend. Die andere Möglichkeit ist, dass eine Sequenz einfach dreimal wiederholt wird, damit auch alle mitbekommen, dass genau dieses Messer genau dreimal haarscharf an unserem Helden vorbei geflogen ist.

Während am Anfang des Actionstreifens noch eine Art Handlung zu erkennen ist, sind die letzten 45 Minuten nur noch Show – Kämpfe, Ballerei, Explosionen. Am Ende opfert sich der Held. Seine Freunde kommentieren dies trocken mit den Worten: “Es ist nichts mehr zu machen.” – “Na gut. Dann lass uns gehen!”. Wie passend, dass in diesem Moment aus dem Nichts der rettende Helikopter angeflogen kommt.

“Bangkok Warrior” ist weder fesselnd noch spannend. Auch erschließt  sich mir nicht, was Bangkok mit diesem Film zu tun hat. Vielleicht soll es beeindruckend klingen. Um mir das Genre schmackhaft zu machen, hat der Streifen sein Ziel verfehlt. Durchtrainierte Männer mit Maschinengewehren und Handgranaten, die ab und zu ein wenig um sich kicken und eine weinerlich jammernde Frau sind für mich nicht die ideale Basis für ein eindrucksvolles Filmvergnügen. Aber es so zu verhunzen ist wirklich eine Kunst. Leider ist Regisseur Prapon Petchinn zu ambitioniert, als dass ich das Ganze als schlechten Film, über den ich lachen kann, abtun könnte.

Fazit: Jede Folge “Bernd, das Brot” ist diesem Film unbedingt vorzuziehen!

 

Die Filmreise-Challenge #3: Ran

Die Filmreise-Challenge #3 – Weltreise (Abenteuerurlaub): Schaue einen Film aus Fernost.

Ich habe mich für den japanischen Kultklassiker “Ran” entschieden.

Ran Poster

Bild: Universal Pictures

“Ran” ist ein Film, der den Titel Epos maßgeblich verdient hat. Mit ungefähr zwei Stunden und vierzig Minuten ist er wirklich lang. Aber er ist auch jede Sekunde wert.

Ich war mir nicht sicher, worauf ich mich bei diesem Drama einlasse, habe mir aber bewusst auch keinen Trailer angeschaut oder mich sonst irgendwie weiter informiert. Jetzt weiß ich, dass es sich vielleicht doch gelohnt hätte, schon vorher ein bisschen mehr zu erfahren. Aber auch so ist der Film ein Abenteuer. (Wie sollte es auch anders sein: Ich befinde mich ja schließlich auf einer Abenteuerreise.)

Die Story basiert auf dem Theaterstück “König Lear” vom guten, alten Meister Shakespeare. Den Hintergrund des Films bilden der japanische Bürgerkrieg im 16. Jahrhundert und die Legende von Morikawa, der drei ambitionierte Söhne hatte (im Gegenzug zu König Lears drei Töchtern).  Der mächtige Großfürst Hidetora Ichimonji ist alte geworden und teilt vor seinem Tod sein Reich in drei Teile und vermacht jedem seiner Söhne einen davon. Taro Takatora, der älteste, bekommt ebenfalls die Macht des Vaters übertragen, die beiden jüngeren Jiro Masatora und Saburo Naratora sollen ihren Bruder unterstützen. Es kommt, wie es kommen muss: Macht- und Habgier führen zu Streit. Ein erbitterter Krieg bricht aus.

Die Geschichte mag simpel klingen, ist sie auch, aber die Umsetzung ist wirklich episch. Regisseur Akira Kurosawa hat ein beeindruckendes Drama geschaffen, das auf der großen Leinwand bestimmt bei weitem imposanter anzusehen wäre als auf dem mickrigen Bildschirm meines Laptops. (Dazu muss gesagt sein, dass sich der geneigte Zuschauer, die geneigte Zuschauerin frei machen muss von heutigen CGI-Standards, sonst funktioniert es nicht. 1985 sah die Filmwelt eben noch anders aus.) Mord, Verrat, Intrigen – dieser Film hat alles, was ein gutes Drama braucht. Zwei machthungrige Brüder und eine hinterlistige und böswillige Schwiegertochter – crazy, scary bitch, die Frau – runden den Plot ab.

Die Schauspielarbeit ist brilliant – keine Frage. Die Maske und die KostümbildnerInnen haben exzellente Arbeit geleistet. Die traditionelle Kleidung trägt erheblich zur Stimmung des Dramas bei. Es zeigt auch, dass nicht nur die Schotten Röcke tragen. So lassen sich die Japaner in ihrer Freizeit auch gerne Kleider stehen. Ich möchte keine Mitglieder der Cast herauspicken. Sie waren einfach alle hervorragend. Aber ich kann sagen, dass mir die Rollen von Hofnarr Kyoami und Saburos Diener Kurogane am besten gefallen haben. Der Narr, wie es die Narren meist sind, überbringt die klügsten Weisheiten. “Der Mensch kommt weinend zur Welt. Wenn er keine Tränen mehr hat, stirbt er.” Kurogane besticht durch seine Weit- und Klarsicht und seiner Treue.

Im Film geht es stellenweise ein wenig wirr zu. Wer ist nochmal wer und wo stecke ich den Diener nun hin? Da hilft die Farbaufteilung ungemein. Mit gelb, rot und blau lassen sich die verschiedenen Lager gut unterscheiden. Das ist mir auf jeden Fall von Nutzen gewesen. Auch hat es geholfen, dass ich den Film in der synchronisierten Fassung gesehen habe und nicht im OmU.

“Ran” ist ein Epos zum Abtauchen. Die Welt vergessen und in einer anderen versinken. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass mir dieses Drama so gut gefällt. Wer Shakespeare mag und die Muße hat, sich auf dieses Leinwandabenteuer einzulassen, dem kann ich diesen Film nur empfehlen.

Middlesex

Middlesex

Bild: Picador USA

“You used to be able to tell a person’s nationality by the face. Immigration ended that. Next you discerned nationality via the footwear. Globalization ended that. Those Finnish seal puppies, those German flounders – you don’t see them much anymore. Only Nikes, on Basque, on Dutch, on Siberian feet.”

  • Jeffrey Eugenides – Middlesex